Книга Lieutenant Gustl von Arthur Schnitzler: Reclam Lektüreschlüssel XL - читать онлайн бесплатно, автор Mario Leis
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Lieutenant Gustl von Arthur Schnitzler: Reclam Lektüreschlüssel XL
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Lieutenant Gustl von Arthur Schnitzler: Reclam Lektüreschlüssel XL

Arthur Schnitzler

Lieutenant Gustl

Lektüreschlüssel XL

für Schülerinnen und Schüler

Von Mario Leis

Reclam

Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe:

Arthur Schnitzler: Lieutenant Gustl. Hrsg. von Sabine Wolf. Stuttgart: Reclam, 2013 [u. ö.]. (Reclam XL. Text und Kontext, Nr. 19128.)

Diese Ausgabe des Werktextes ist seiten- und zeilengleich mit der in Reclams Universal-Bibliothek Nr. 18156.

E-Book-Ausgaben finden Sie auf unserer Website

unter www.reclam.de/e-book

Lektüreschlüssel XL | Nr. 15512

2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2020

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961771-8

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015512,7

www.reclam.de

1. Schnelleinstieg

Autor Arthur Schnitzler (1862−1931), Studium der Medizin – 1882/83: Militärischer Dienst als Einjährig-Freiwilliger – ab 1885 als promovierter Arzt tätig, auch in der Psychiatrie – am 14. Juni 1901 wird Schnitzler wegen des Lieutenant Gustl sein Offiziersrang abgesprochen Veröffentlichung Erstveröffentlichung: 25. Dezember 1900 in der Wiener Tageszeitung Neue Freie Presse Gattung Novelle Epoche Wiener Moderne (1890–1910) / Fin de Siècle (frz. ›Ende des Jahrhunderts‹), ca. 1890–1914 Werkaufbau Die Novelle besteht aus einem fortlaufenden inneren Monolog, der allerdings von einem dreistündigen Schlaf Gustls unterbrochen wird. Ort und Zeit der Handlung Wien: Die Handlung beginnt am 4. April 1900 um 21.45 Uhr und endet ungefähr um 5.45 Uhr am nächsten Morgen. Der innere Monolog wird durch Gustls rund dreistündigen Schlaf unterbrochen: »muss Mitternacht vorbei sein« (S. 30) bis »Drei« (S. 32)

Die Novelle Lieutenant Gustl des österreichischen Schriftstellers, Mediziners und Reserveoffiziers Arthur Schnitzler erschien am 25. Dezember 1900 in der Weihnachtsbeilage der Neuen Freien Presse. Diese Veröffentlichung sorgte für einen handfesten Skandal, weil der Autor die vermeintlich heilige Standesehre der Offiziere und den Antisemitismus in der Armee der Habsburger-Monarchie kritisierte. Er wurde für diesen Text vom Militär abgestraft, indem ein Ehrenrat ihm seinen Rang als Reserveoffizier aberkannte.

Schon 1896 hatte Schnitzler die Idee zu seiner Novelle notiert, die auf eine reale Begebenheit zurückgeht: »Einer bekommt irgendwie eine Ohrfeige; – niemand erfährts. Der sie ihm gegeben, stirbt und er ist beruhigt, kommt darauf, dass er nicht an verletzter Ehre – sondern an der Angst litt, es könnte bekannt werden. –«1

Leutnant Gustl, alles andere als charakterlich gefestigt, wird in der Novelle von einem Bäckermeister im Zuge einer Drängelei in seine Schranken gewiesen, was der Offizier als schwere Kränkung seiner Ehre empfindet. Da sein Widerpart nicht satisfaktionsfähig ist, also nicht zum Duell gefordert werden darf, kann Gustl seine Ehre nicht durch ein Duell wiederherstellen, weshalb er mit dem SelbstmordgedankenGedanken spielt, sich umzubringen.


Abb. 1: Von Moritz Coschell illustriertes Cover der ersten Buchausgabe des Lieutenant Gustl, erschienen 1901 im S. Fischer Verlag

Vom ersten bis zum letzten Satz des Textes lässt der Autor die Leser an der Gedankenwelt des Leutnants teilnehmen, und zwar in Form des inneren Monologs. Lieutenant Gustl ist der erste literarische Text in der deutschsprachigen Literatur, der fast durchgängig – lediglich durch die wörtliche Rede anderer Figuren kurz unterbrochen – den inneren Monolog aufweist.

2. Inhaltsangabe

Gustls innerer Monolog während eines Oratoriums

Leutnant Gustl, junger Offizier der k. u. k. Armee in Wien, wohnt am 4. April 1900 einem Konzert, einem Oratorium, bei. Sein Kamerad Kopetzky hat ihm dafür ein Billet geschenkt, das er widerwillig angenommen hat: »Hätt’ ich die Karte lieber dem Benedek geschenkt, dem machen solche Sachen Spaß; er spielt ja selber Violine. Aber da wär’ der Kopetzky beleidigt gewesen.« (S. 7)

Ein Singverein führt Felix Mendelssohn Bartholdys Paulus – Oratorium nach Worten der heiligen Schrift (1836) auf. Es stellt Sequenzen aus dem Leben des Apostels Paulus vor und verkündet eine Friedensbotschaft, die sich gegen Intoleranz, Hass und Aggression wendet.

Aber Gustl Gelangweilter Kulturbanauselangweilt sich, das wird schon im ersten Satz der Novelle deutlich: »Wie lang wird denn das noch dauern?« (S. 7) Musik ist dem Offizier fremd, er nimmt als bekennender Kulturbanause keinen Anteil am Vortrag. Obendrein weiß er noch nicht einmal, was er sich dort anhört; erst das Programmheft klärt ihn darüber auf: »Ja, richtig: Oratorium! Ich hab’ gemeint: Messe.« (S. 7)

Gustl sehnt das Ende des Konzertes herbei. Seine Gedanken schweifen derweil nach Art der freien Assoziation mehr oder weniger ziellos umher. Er ergeht sich in der Betrachtung der anderen, insbesondere Gustl und die Damenweltder weiblichen Konzertbesucher: »Das Mädel drüben in der Loge ist sehr hübsch.« (S. 7) Der Leutnant denkt an ehemalige Liebhaberinnen, die er lediglich zum Sex instrumentalisiert hat: »Etelka! … Kein Wort deutsch hat sie verstanden, aber das war auch nicht notwendig … hab’ gar nichts zu reden brauchen! …« (S. 10) Und er zerbricht sich den Kopf über seine aktuelle Geliebte: »Ah, diese ewige Abschreiberei von der Steffi geht mir wirklich schon auf die Nerven!« (S. 9) Eigentlich wollte der Leutnant den Abend mit ihr verbringen, aber einer ihrer Freier hat ihren Dienst gebucht.

Gustl machen zudem seine SpielschuldenSpielschulden zu schaffen. Am Tag zuvor hat er am Spieltisch 160 Gulden verloren, das sind rund drei seiner Monatsgehälter. Man konnte wegen unehrenhafter Schulden, wenn sie einen höheren Betrag ausmachten, zu einem ehrengerichtlichen Verfahren geladen werden, das zum Ausschluss aus der Armee führte. Manche Offiziere sahen dann als einzigen Ausweg den Selbstmord.

Gustl hat sich zwar das »Ehrenwort gegeben« (S. 10), die Finger vom Spiel zu lassen, aber die Leser ahnen, der wankelmütige Offizier wird es mit dem »Ehrenwort« nicht so ernst nehmen. Obendrein erwartet er Hilfe von seiner Familie: »Die Mama wird wieder ein G’sicht machen, wenn Sie meinen Brief bekommt! – Ah, sie soll zum Onkel geh’n, der hat Geld wie Mist; auf die paar hundert Gulden kommt’s ihm nicht an.« (S. 10)

Gustls Vorhaben, sich mit dem Konzertbesuch musisch »zu zerstreuen« (S. 7), ist offenbar misslungen. Zerstreuung sucht der Leutnant auch deshalb, weil er sich am Tag nach dem Konzert ein Das anstehende Duell mit dem RechtsanwaltDuell mit einem promovierten Rechtsanwalt liefern will – dem er jedoch, so behauptet er zumindest, keineswegs ängstlich entgegensieht, sondern eher gespannt wie einem sportlichen Wettkampf: »Heut’ heißt’s: früh in’s Bett, morgen Nachmittag frisch sein! Komisch, wie wenig ich daran denk’, so egal ist mir das!« (S. 10 f.)

Streit mit dem Bäckermeister

Als das Konzert schließlich beendet ist, entspinnt sich – nachdem Gustl schon recht ruppig mit dem Garderobenpersonal umgegangen ist – im Gedränge ein Dialog zwischen ihm und dem Bäckermeister Habetswallner. Es geht darum, wem wohl der Vortritt gebührt. Der Handwerker verweigert ihm, dem Offizier den Vortritt, und damit – wie Gustl glaubt – die ihm angemessene Ehrerbietung. Der Leutnant sieht sich von dem ihm flüchtig bekannten Bäcker in die Schranken gewiesen, obwohl der ihn nur um »Geduld, Geduld!« (S. 15) bittet. Der unbeherrschte Gustl beleidigt den Bäckermeister: »Sie, halten Sie das Maul!« (S. 15)

Daraufhin begeht Habetswallner einen Tabubruch, indem er, der Kleinbürger, die Waffe Gustls, das Statussymbol SäbelSymbol der militärischen Ehre schlechthin, einfach festhält: »er hat den Griff von meinem Säbel in der Hand« (S. 15). Als Höhepunkt der Auseinandersetzung nennt ihn der Bäcker gar »dummer Bub« (S. 15) und droht ihm, er würde seinen Säbel zerbrechen und die Überreste an seinen Regimentskommandanten schicken.

Gustl ist außer sich angesichts dieses Angriffs auf seine Ehre. Sein erster Gedanke, als ihm klar wird, wie ihm geschieht: »Um Gotteswillen, nur kein’ Bloß kein »Skandal!«Skandal« (S. 16). Durch die Körperkraft des Bäckers, »der zufällig stärkere Fäust’ hat« (S. 20), sowie durch seine eigene Verwirrung unfähig zu reagieren, sieht Gustl seinen Beleidiger von dannen ziehen. Völlig verwirrt findet er sich schließlich auf der Straße wieder: »Um Gotteswillen, hab’ ich geträumt? … Hat er das wirklich gesagt?« (S. 16) Den Dialog zwischen den beiden Männern hat keiner gehört, darauf legt der Zivilist wert, weil er dessen »Karriere nicht verderben« (S. 16) will: »So, hab’n S’ keine Angst, ’s hat niemand was gehört« (S. 16).

Die Gedanken des Leutnants überschlagen sich beim Bemühen, den vermeintlichen Skandal einzuordnen und eine Möglichkeit zu finden, um seine beleidigte Offiziersehre wiederherzustellen. Er beginnt eine Wanderung und eine Gustls BewusstseinsodysseeBewusstseinsodyssee durch das nächtliche Wien, in deren Verlauf der Verstörte versucht, Klarheit zu finden.

Das Problem: Sein Kontrahent ist Zivilist und damit nach militärischem Ehrenkodex nicht satisfaktionsfähig. Die Ehrenrettung kann also nicht, wie es unter Angehörigen des Offiziersstandes üblich gewesen wäre, durch Austragung eines Duells erfolgen. Allerdings hat wohl keiner der Konzertbesucher die Ehrverletzung mitbekommen – solange Gustl und sein Kontrahent also darüber schweigen, könnte Gustl die Sache auf sich beruhen lassen. Aber er kommt zu dem Schluss, dass ihm »nichts anderes übrig« (S. 19) bleibt, als sich »eine Kugel vor den Kopf« (S. 18) zu schießen.

Überraschendes Ende


Abb. 2: Gustls Weg durch Wien

Auf seinem Weg durch die Stadt legt der Leutnant eine Rast im Prater ein, wo er auf einer Parkbank einschläft (S. 32). Der dreistündige traumlose Schlaf unterbricht den inneren Monolog und bildet somit eine Zäsur für die Novelle wie für den Gedankenstrom des Protagonisten.

Nach dem Erwachen nimmt Gustl seine Wanderung und den Fluss seiner Gedanken wieder auf. Zweites musikalisches IntermezzoOrgelklänge und Gesang, die aus einer Kirche zu ihm dringen, veranlassen ihn zum Besuch der Frühmesse (S. 37 f.). Vielleicht kann ihn die Religion wieder zu Sinnen bringen und Trost spenden: »Möcht’ in die Kirche hineingehn … am End’ ist doch was dran« (S. 38). Die Musik erinnert ihn dann jedoch an die Ereignisse des vergangenen Abends, und so verlässt er fluchtartig die Kirche: »Woran erinnert mich denn nur die Melodie? – Heiliger Himmel! gestern Abend! – Fort, fort! das halt’ ich gar nicht aus!« (S. 38)

Bevor er nach Hause geht, um seinen Entschluss, sich zu töten, wahr zu machen, kehrt er aber in einem Kaffeehaus ein und erfährt dort, dass der Bäckermeister HabetswallnerBäckermeister Habetswallner in der vergangenen Nacht einem Schlaganfall erlegen ist. Gustl sieht sich erlöst: »Tot ist er – tot ist er! Keiner weiß was, und nichts ist g’schehn! – Und das Mordsglück, dass ich in das Kaffeehaus gegangen bin … sonst hätt’ ich mich ja ganz umsonst erschossen« (S. 44). Der Leutnant vermutet, der plötzliche Tod des Bäckermeisters könne »eine Fügung des Schicksals« (S. 44 f.) oder göttlichen Ursprungs sein: »Am End’ ist das alles, weil ich in der Kirchen g’wesen bin …« (S. 44).

Euphorisch schmiedet er nun Pläne für den angebrochenen Tag. Seinem für vier Uhr am Nachmittag anberaumten Duell mit dem Rechtsanwalt sieht er mit grimmiger Entschlossenheit entgegen: »… na wart’, mein Lieber, wart’, mein Lieber! Ich bin grad gut aufgelegt … Dich hau’ ich zu Krenfleisch!« (S. 45)

3. Figuren


Abb. 3: Figurenkonstellation

Die Erzählform des inneren Monologs bedingt, dass auch die weiteren Figuren in der Novelle ausschließlich aus Gustls Perspektive dargestellt werden, ohne dass ein objektiver Erzähler diese knappen Figurencharakterisierungen korrigieren oder erweitern könnte. Lediglich knappe Passagen wörtlicher Rede ermöglichen es den Lesern, Eindrücke von Figuren zu gewinnen, die nicht durch Gustls Perspektive gefärbt sind

Leutnant Gustl

Indem die Leser Gustls Gedankenstrom folgen, erschließen sich ihnen Persönlichkeit und gesellschaftliche Wirklichkeit dieses jungen Offiziers der k. u. k. Armee, der in dieser Nacht eine existenzielle Krise durchlebt, am nächsten Tag jedoch sein Leben fortsetzen wird, als sei nichts geschehen.

Arthur Schnitzler nennt den Vornamen des Protagonisten schon im Titel der Novelle und macht damit deutlich, welchen hohen Stellenwert diese Hauptfigur einnimmt. Gleichzeitig wertet der Autor damit von vornherein den Infanterie-Leutnant ab: Die Leser erfahren nur seinen verniedlichenden Gustl = KosenameKosenamen, eben »Gustl«; sein richtiger Vorname lautet vermutlich entweder Gustav oder August.

Leutnant Gustl stammt eventuell aus Kleinbürgerliche Verhältnisse?kleinbürgerlichen Verhältnissen:

»Über die soziale Herkunft Gustls herrscht in der Forschungsliteratur Uneinigkeit. Zum Teil wird die Position vertreten, der Protagonist stamme aus dem Kleinbürgertum […]. Zuweilen wird auch der familiäre Hintergrund einer ›höheren Grazer Beamtenfamilie‹ […] konstatiert. Exakt bestimmen lässt sich die soziale Herkunft des Protagonisten letztlich nicht, da der Text dafür keine genügend präzisen Informationen vergibt«.2

Seine Familie lebt in Graz in der Steiermark. Im Verlauf der Novelle erinnert sich Gustl an wichtige Wichtige LebensstationenStationen seines Lebens, das bereits einige Kränkungen für ihn bereithielt: Sein Vater, ein Beamter, wurde vorzeitig pensioniert, weshalb Gustl das Gymnasium verlassen musste. Wohl aus finanzieller Not – vielleicht aber auch, weil er den Anforderungen nicht gewachsen war – wurde der Junge »in die Kadettenschul’ gesteckt« (S. 12), die ihm immerhin einen bescheidenen Status als Infanterie-Offizier gewährleistet. Hätte der Junge sein Abitur machen können, wäre sein Ziel ein Studium gewesen: »Ich hätt’ Ökonomie studiert, wär’ zum Onkel gegangen … sie haben’s ja alle wollen, wie ich noch ein Bub war …« (S. 28). Gustl hat also seine bescheidene militärische Laufbahn alles andere als freiwillig absolviert oder gar aus einer patriotischen Gesinnung heraus. Obendrein blieb ihm der Weg in die prestigeträchtige Kavallerie verwehrt, weil er sich kein Pferd leisten konnte und sein Vater ihn nicht unterstützen wollte: »Schad’, dass ich nicht zur Kavallerie gegangen bin … aber das hat der Alte nicht wollen – wär’ ein zu teurer Spaß gewesen« (S. 30).


Abb. 4: Lukas Watzl als Leutnant Gustl in der virtuellen Theatererfahrung Inside Lieutenant Gustl (Regie/Bearbeitung: Sebastian Brauneis) – © Studio Brauneis / Poesie Media

Diese Demütigungen sind auch mitverantwortlich für seinen Gustls SozialneidSozialneid gegenüber Vermögenden, Gebildeten und Juden. So sind ihm die »Einjährigen« (S. 22), die aufgrund ihrer höheren Schulbildung nur ein statt drei Jahre zu dienen haben, ein Dorn im Auge, weil sie seine Statusangst schüren. Die Einjährig-Freiwilligen, die am Ende ihres Wehrdienstes Reserveoffiziere sind, genießen die gleichen Privilegien wie die Berufsoffiziere: »Wir müssen uns jahrelang plagen, und so ein Kerl dient ein Jahr und hat genau dieselbe Distinktion wie wir … es ist eine Ungerechtigkeit!« (S. 22)

Trotzdem ist das Sinnstifter MilitärMilitär für Gustl der einzige Halt. Stolz berichtet er, was für ein erhebendes Gefühl es war, als er zum ersten Mal seine Uniform anzog: »Wenn ich mich so erinner’, wie ich das erste Mal den Rock angehabt hab’, so was erlebt eben nicht ein jeder …« (S. 12). Gustls Status als Offizier der k. u. k. Armee dient ihm fortan als Leitfaden seines Denkens und Handelns, weil der militärische Dienst ihm ein sinnhaftes Dasein suggeriert. Er definiert sich über den militärischen Ehrenkodex und wacht argwöhnisch darüber, ob andere diesen Status angemessen würdigen.

Vor allem gilt es, die Gustl und die EhreOffiziersehre gegen jegliche Angriffe zu verteidigen. Wer Gustls Ehre missachtet, sollte nach den Normen des Standesdenkens dafür geradestehen. Doch als der Bäckermeister ihn entehrt und es für Gustl keine Möglichkeit gibt, entschlossen auf den Affront zu reagieren, sieht er als einzig akzeptablen Ausweg seine Selbsttötung. Gustls Ehrenhaftigkeit steht nun auf dem Prüfstand. Wie konsequent kann und will er seine Ehre – und die seines Standes – verteidigen? Vor diese Frage sieht sich der junge Leutnant in dieser Nacht gestellt und scheitert an einer klaren persönlichen Haltung, zumal er einen Typus präsentiert, der nur wenige individuelle Züge besitzt; er ist und bleibt ein naiver und »dummer Bub« (S. 15).

Der gesamte Gedankenstrom, aus dem die Novelle besteht, offenbart seine Der überforderte LeutnantHilflosigkeit in seiner Krise, der ersten existenziellen Herausforderung in seinem Leben. Das verwundert nicht: Er ist von Jugend auf indoktriniert worden zu einer Ideologie aus Nationalismus, Antisemitismus und -sozialismus sowie Militarismus, die ihn völlig beherrscht und aus der er sich nicht befreien kann. Hätte er wenigstens einen klugen und erfahrenen Menschen, einen Freund oder eine Freundin, um Rat fragen können, hätte der ihm vielleicht die Einseitigkeit, die Enge, die Verlogenheit seines Welt- und Menschenbildes erklären und ihn so zu besinnender Selbsterkenntnis, vielleicht auch zu einem stabilen Selbstvertrauen bringen können. Stattdessen kreist er hilflos in den anerzogenen Begriffen von Ehre und Mannesstolz – das Opfer einer vieljährigen Militärdressur, die er im Kreis Gleichgesinnter, also ohne ausreichend Kontakt zu anderen Menschen und ohne differenzierte Denkanstöße, durchlaufen musste.

Gustl ist immer darauf angewiesen, sich sein Verhalten von anderen Figuren bestätigen zu lassen, weil er kein ausgeprägtes Selbstbewusstsein besitzt. Eigene Zu keiner Selbstkritik fähigSchwächen gibt er nicht zu, projiziert sie vielmehr immer auf andere Figuren; selbst für seine Langeweile während des Oratoriums sucht er Schuldige: Sein Kamerad Kopetzky ist zunächst dafür verantwortlich, weil er ihm die Eintrittskarte geschenkt hat, dann ist Steffi schuld, weil er ursprünglich mit ihr verabredet war (S. 8 f.), wenig später ist sein Kamerad Ballert der Bösewicht, weil dieser Gustl am Vorabend beim Kartenspiel 160 Gulden abgenommen hat und Gustl deswegen für einige Zeit die Finger vom Glücksspiel lassen muss (S. 9 f.).

Gustls »Und was habʼ ich denn vom ganzen Leben gehabt?«Langeweile, die ihn nicht nur im Konzert plagt, wird schon im ersten Satz der Novelle – »Wie lang wird denn das noch dauern?« (S. 7) – als wichtiges Motiv seines Lebens thematisiert. Sie ist – unabhängig vom Oratorium – das Resultat seines monotonen Militärdienstes, der völlig ritualisiert ist und ihm keine existenzielle Erfüllung bietet. Stattdessen ergeht er sich – als Ersatzbefriedigung – in zahllosen kurzen Frauenabenteuern und in seiner Spielsucht. Auch seine Aggression, die er im Dienst nicht ausleben kann, eher von diesem sogar geschürt wird, reagiert er spontan ab, etwa am Bäckermeister und am Doktor, mit dem er sich am folgenden Tag duellieren möchte. Das Einzige, was Gustls Leben noch Sinn geben könnte, wäre ein Krieg: »Etwas hätt’ ich gern noch mitgemacht: einen Krieg – aber da hätt’ ich lang’ warten können …« (S. 31).

Gegen einen Krieg und seinen möglichen Tod in einer Schlacht hat er nichts einzuwenden, wenn wir ihm glauben dürfen, weil er dann auf dem vermeintlichen »Feld der Ehre« (S. 40) fallen würde. Aber vor seinem Selbstmord hat er fürchterliche Angst vor der SelbsttötungAngst; sie macht ihn kopflos; plötzlich bekommt er »so ein blödes Herzklopfen« (S. 36). Gustl versucht kurzfristig, sein Angstgefühl einer anderen Ursache als dem Selbstmordvorhaben zuzuschreiben: »Das wird doch nicht deswegen sein … Nein, o nein … es ist, weil ich so lang’ nichts gegessen hab’.« Aber sofort ist das blanke Entsetzen wieder da: »Angst hast Du – Angst« (S. 36).

Glimpfliches EndeAls der Leutnant im Kaffeehaus vom plötzlichen Tod des Bäckermeisters erfährt, kommt eine Selbsttötung für ihn nicht mehr in Frage; die wäre aber immer noch nötig, um seine militärische Ehre wiederherzustellen: Seine Entehrung ist durch den Tod von Habetswallner noch nicht aus der Welt. Damit hat der Leutnant seine eigene Definition von Ehre ad absurdum geführt: Gustl gibt zunächst vor, unter Ehre ein Gut zu verstehen, das dem Individuum nicht in erster Linie durch eine urteilende Gesellschaft zugeschrieben wird, sondern vor allem auf einer Selbstbeurteilung beruht. Er behauptet, in seiner Ehre vornehmlich deshalb verletzt zu sein, weil er seinen eigenen an sich selbst gerichteten Ansprüchen nicht gerecht geworden ist (»Ich weiß es doch, und das ist die Hauptsache!« [S. 19], »so weiß ich’s … ich weiß es … und ich bin nicht der Mensch, der weiter den Rock trägt und den Säbel, wenn ein solcher Schimpf auf ihm sitzt!« [S. 21]), verdeutlichen die letzten Seiten der Novelle: Gustl ging es vielmehr darum, seine Ehre als Wert, der ihm von seinem Umfeld zuerkannt wird, zu retten: Sobald feststeht, dass die Außenwelt von seinem unehrenhaften Verhalten nicht mehr erfahren kann, sieht Gustl keine Notwendigkeit mehr, seine Entschlossenheit und Tapferkeit durch einen Suizid unter Beweis zu stellen.

Bäckermeister Habetswallner

Als Gustl nach dem Oratorium einen Streit mit Habetswallner anzettelt, erkennt er in ihm den Bäckermeister, der auch in dem von ihm selbst häufig besuchten Kaffeehaus seit Jahren Gast ist. Fortan bezeichnet er seinen Gegner als Bäckermeister. Erst als der Kellner von dessen Tod Bericht erstattet, erfahren wir seinen Nachnamen; Gustls Familienname aber gibt der Autor nicht preis.

Habetswallner ist ein angesehener Geschäftsmann, der sein geliebtes Kaffeehaus-Ritual nicht missen möchte, »der jeden Nachmittag neben die Herren Offiziere seine Tarokpartie hat … mit’n Herrn Schlesinger und ’n Herrn Wasner von der Kunstblumenhandlung vis-à-vis!« (S. 43)

Ein Schlüsselwort der Novelle ist der » Der »dumme Bub«dumme Bub« (S. 15), als den der Bäckermeister den Leutnant bezeichnet, was eventuell gar nicht böse, sondern eher mitleidig von ihm gemeint ist. Gustl benimmt sich in seinem anerzogenen Standesdünkel so arrogant gegenüber einem lebenserfahrenen, reifen Menschen, dass dieser ihn fast väterlich als das bezeichnet, was er wirklich ist: ein dummer Junge.

Offenbar ist Habetswallner nicht nur an seinem Handwerksberuf interessiert, sondern darüber hinaus ein halbwegs Musischer Bäckermeistermusischer, für Höheres empfänglicher Mensch, da er ein klassisches Konzert besucht. Nach Gustls Beleidigung reagiert er selbstbewusst und ruhig, im Unterschied zu seinem streitbaren und ängstlichen Widerpart (S. 15). Habetswallner kennt den Verhaltenskodex des Militärs sehr genau, er weiß, dass Gustl ihn töten müsste, deshalb hindert er ihn unverzüglich daran, seinen Säbel zu ziehen. Der Bäckermeister möchte dem aufgebrachten Leutnant und seiner Karriere gleichwohl nicht schaden, deshalb reagiert er souverän, beinahe väterlich und fürsorglich: »So, hab’n S’ keine Angst, ’s hat niemand was gehört … es ist schon alles gut … so!« (S. 16)