Книга Hamlet von William Shakespeare: Reclam Lektüreschlüssel XL - читать онлайн бесплатно, автор Andrew Williams. Cтраница 2
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Hamlet von William Shakespeare: Reclam Lektüreschlüssel XL
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Hamlet von William Shakespeare: Reclam Lektüreschlüssel XL

3. Figuren

Die Hauptfigur: Hamlet

Ein sportlicher, attraktiver und intelligenter junger3 Mann, Zierde und Hoffnungsträger des dänischen Staats, ein Prachtbeispiel junger Männlichkeit, ein in jeder Hinsicht vorbildlicher Prinz mit einem edlen Herzen, der im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht und in der Fechtkunst seinesgleichen sucht – das ist der Hamlet, den Ophelia und Horatio gekannt haben und von dem auch der norwegische Prinz Fortinbras wohl gehört hat. Hamlet – ein veränderter Mensch Aber die Zuschauerinnen und Zuschauer lernen eben nicht diesen vielversprechenden Thronfolger kennen: Sie werden mit einem schwarz gekleideten, überempfindlichen, verstörten und trauernden jungen Mann konfrontiert, der abseits der Krönungsfeierlichkeiten grübelt. Hamlet ist schon zu Beginn des Dramas ein veränderter Mensch.


Abb. 2: Die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt (1844–1923) in der Rolle des Hamlet (1899)

Die Zeit, in der Hamlet ein angesehener Prinz war, ist zu Beginn der Handlung nur einige Wochen her, aber trotzdem unwiderruflich verloren. Der Tod des geliebten Vaters und die vorschnelle Hochzeit seiner Mutter stürzen Hamlet ins Unglück und lassen ihn in der Welt jeglichen Sinn vermissen (I,2, V. 133–134), so dass er sogar Selbstmordgedanken hegt. Es scheint unvorstellbar, dass der tintenschwarz gekleidete Hamlet, der sich als Einziger mit den neuen machtpolitischen und familiären Verhältnissen nicht abfinden will, je wieder dem Ideal eines jungen Erbprinzen entspricht. Für seine grundsätzliche Unsicherheit sprechen die drei Stellen, an denen sich Hamlet mit anderen vergleicht: mit einem Schauspieler (II,2, V. 545–566), mit dem jungen Prinzen Fortinbras (IV,4, V. 47–65) und – wenn auch nur kurz – mit Laertes (V,2, V. 77 f.). Seiner Handlungsziele und seines Charakters ist sich Hamlet also nicht sicher.


Abb. 3: Szene aus Hamlet in einer Theaterinszenierung von 1935 am Londoner New Theatre (heute: Noël Coward Theatre) mit John Gielgud als Hamlet und Jessica Tandy als Ophelia – © Lebrecht Music & Arts / Alamy Stock Foto

Es ist in besonderer Weise schwierig, Hamlets Charakter zu beschreiben, weil die Vielseitigkeit seines Wesens ein Hauptmerkmal des Dramas ist – dieses ist jedoch auch ein Grund für dessen jahrhundertelange Beliebtheit. Sich mit Hamlets Charakter auseinanderzusetzten, bedeutet immer zugleich, sich mit der Komplexität des ganzen Dramas auseinanderzusetzen. Welcher Hamlet ist der echte Hamlet? Der Hamlet, der, sobald er hinter dem Wandvorhang Polonius’ Stimme hört, zusticht, und zwar mit solcher Wucht, dass er ihn tötet? Der Hamlet, der Ophelia, die Frau, die er liebt, quält und beleidigt? Der Hamlet, der philosophiert und dichtet? Der Hamlet, der ein Piratenschiff entert und so dem sicheren Tod entkommt? Der Hamlet, der seine angeblichen Freunde in den sicheren Tod schickt? Oder doch der Hamlet, der vor lauter Grübelei zu gar nichts fähig ist? Hamlet ist eine Figur von solcher Komplexität, dass zur Beschreibung seines Charakters eine Annäherung aus verschiedenen Perspektiven am sinnvollsten erscheint.

Hamlet, der Wahnsinnige?

Hamlets Verstörtheit ist auf den Verlust des Vaters und auf die neue Verbindung der Mutter zurückzuführen. Schon vor der Begegnung mit dem Geist des Vaters ist Hamlets Geisteszustand also höchst bedenklich. Nach den brisanten Enthüllungen des Geistes und vor allem nach seiner Aufforderung zur Rache tritt die Veränderung ein, die besonders für Ophelia so schockierend ist: Hamlet Psychische Erkrankung …erkrankt offenbar psychisch. Er redet zum Teil wirr; treibt Wortspiele, die auf den ersten Blick unverständlich wirken; seine Gedankengänge sind – wenn überhaupt – nur schwer nachvollziehbar.

Die … oder raffinierte Täuschung?Frage, ob Hamlet psychisch erkrankt ist oder nicht, ist berechtigt. Hamlet selbst äußert sich dazu eindeutig: Er spiele den ›Wahnsinnigen‹. Diese Taktik ist das Erste, was ihm nach den Enthüllungen des Geistes einfällt. Er hat vor, sich eine »antic disposition« (I,5, V. 172) anzulegen, also die Menschen durch sein Verhalten in die Irre zu führen. Polonius verfällt der Illusion (II,2, V. 92–94) und hält Hamlet für wahnsinnig, obwohl vieles, was Hamlet ihm gegenüber von sich gibt, nicht von einer psychischen Krankheit, sondern vielmehr von seiner Verachtung für Polonius zeugt. In ähnlicher Weise müssen Rosencrantz und Guildenstern einsehen, dass Hamlet sie durch seine »crafty madness« (III,1, V. 8) manipuliert. Wenn Hamlet nach der Racheaufforderung nicht zum Schwert, sondern zum Stift greift, will er einen Gedanken notieren: dass man lächeln und gleichzeitig ein Schurke sein kann. Diese Idee des trügerischen Scheins liegt auch seinem Racheplan zugrunde. Der Schein und das Spiel mit dem Schein sind gewissermaßen das Schwert, mit dem er den verbrecherischen Onkel zu Fall bringen will. Hamlets vorgetäuschter ›Wahnsinn‹ lässt sich als eine Maske auffassen. Hamlet verstellt sich, um für seinen Gegner unberechenbar zu bleiben.

Allerdings entstehen beim Publikum berechtigte Zweifel, ob Hamlets Verhalten ausschließlich auf seine Berechnung, auf sein Kalkül zurückzuführen ist. Seine Handlungen und Äußerungen zeugen sowohl davon, dass er nicht immer bestimmten Verhaltensgrundsätzen folgt (etwa wenn er den unschuldigen Polonius tötet), als auch von einer unmenschlichen Gefühlskälte und Empathielosigkeit (etwa wenn er Ophelia und seine eigene Mutter beleidigt). Gelegentlich hat es den Anschein, als sei sein vorgeblich gespielter ›Wahnsinn‹ eher ein ungeschöntes Bild seines Innenlebens als der aus Kalkül vorgetäuschte Zustand, von dem er spricht. Während es in den früheren Texten, die sich des Amlethus-Stoffes annehmen, eindeutig ist, dass Hamlet nur den ›Wahnsinnigen‹ spielt und hinter dieser Fassade vernünftig bleibt, ist dies bei Shakespeare unklar. Es ist, als würde seine psychische Erkrankung außer Kontrolle geraten.

Hamlet, der Melancholiker?

Das Wort Melancholie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Schwarzgalligkeit. Im Elisabethanischen Zeitalter glaubte man an die Lehre der Temperamente, der zufolge sich der menschliche Körper aus vier Elementen zusammensetzt: aus Blut, gelber Galle, Schleim und schwarzer Galle. Charakterliche Eigenschaften wie zum Beispiel Mut, Fröhlichkeit und Tapferkeit wurden auf jeweils unterschiedliche Zusammensetzungen dieser vier Körpersäfte zurückgeführt. Die Gesundheit hing vom Gleichgewicht der Säfte ab. Hamlet ist, nach der Lehre der Temperamente, ein Melancholiker.

Wenn wir heute von Die elisabethanische Melancholie Melancholie sprechen, so meinen wir damit Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Neigung zur Depressivität; wir sprechen von Kunstwerken, die eine melancholische Stimmung hervorrufen. Die Vorstellung von Melancholie im Elisabethanischen Zeitalter ist etwas anders. Ein Melancholiker hat demnach ein bestimmtes Aussehen: Er ist schlank und dunkel. Er hat eine verschlossene, düstere Gemütsart. Durch diese Melancholie wird der Verstand einerseits in die größte Verwirrung gebracht, die sich zum ›Wahnsinn‹ steigern kann; andererseits kann die Melancholie die Vernunft in einzigartiger Weise unterstützen und einen besonderen Scharfsinn bewirken. Genialität sowie die Fähigkeit, Dämonen und Geister wahrzunehmen und mit ihnen zu verkehren, wurden zu jener Zeit auf die Melancholie zurückgeführt.

Die elisabethanischen Zuschauerinnen und Zuschauer erkannten in Hamlet sofort einen Melancholiker – schon Hamlets Trauerkleidung ist ein Zeichen für seinen krankhaften Gemütszustand – und sie wussten genau, was von einem solchen Typus zu erwarten war: plötzliche Stimmungswechsel, Obsessionen mit einem zentralen Gedanken, Zynismus, abwechselnde Untätigkeit und fieberhafte Aktivität.

Hamlet steckt einerseits voller Energie und Ideen, ist andererseits vom Racheauftrag wie lahmgelegt. Er ekelt sich vor der Sexualität, ja sein Ekel gilt der ganzen Welt, die er mit einem ungejäteten Garten vergleicht, und der ganzen Menschheit, die sich der Fleischeslust hingibt und sich immer weiter fortpflanzt. Hamlet ist somit in gewissem Sinne unmenschlich.

Hamlet, der Philosoph und Poet?

Hamlet ist geisteswissenschaftlich gebildet, was für einen Prinzen eher ungewöhnlich ist, und möchte am liebsten in die Universitätsstadt Wittenberg zurückkehren, um sein Studium fortzusetzen. An Bildung und Geist ist ihm nur Horatio ebenbürtig. Die Studenten Rosencrantz und Guildenstern wirken im Vergleich bieder und witzlos. Hamlet interessiert sich für das Theater. Er ist ein Denker, ein Philosoph. Er stellt viele grundsätzliche Fragen zum menschlichen Dasein (»What a piece of work is a man […]; and yet to me, what is this quintessence of dust?«, II,2, V. 303–309; »To be, or not to be, that is the question«, III,1, V. 56). Sein Philosophieren ist allerdings reich an Rätseln und Widersprüchen und arm an systematischen Überlegungen. Hamlet ist ein feinsinniger Intellektueller, kein Mann der Tat. Die Tatsache, dass er erstmal zur Feder greift, als er vom Mord an seinem Vater hört (»meet it is I set it down«, I,5, V. 107), und nicht zum Schwert, ist vielsagend und ist dem elisabethanischen Publikum mit Sicherheit als sehr ungewöhnlich aufgefallen.

Hamlet, der Grausame?

Hamlet mag gebildet sein und Sinn für Poesie haben, er mag in sehr anständiger Weise und mit hübschen Gedichten um Ophelia geworben und ein edles Herz haben, aber er hat auch eine andere Seite: Er ist grausam. So schickt er Rosencrantz und Guildenstern in den Tod, ohne ihnen die Möglichkeit der vorherigen Beichte zu geben. Er äußert sich in unflätiger Weise über den toten Polonius und reagiert auf dessen Tod, für den er selbst verantwortlich ist, mit einer unmenschlichen und zynischen Kälte. Gegen Ophelia und seine Mutter, die Frauen, die er einmal geliebt hat, geht er mit besonderer Härte vor. Er überschüttet sie mit Beleidigungen und Vorwürfen. Diese Grausamkeit, sein Zynismus und seine Kälte scheinen nur sehr schwer mit seinem angeblich nur gespielten ›Wahnsinn‹ vereinbar, so dass man sich fragen muss, ob diese plötzlich auftretenden Eigenschaften doch auf eine psychische Krankheit hindeuten.

Claudius

Claudius ist der Bösewicht, an dem sich Hamlet rächen soll: Er hat einen Brudermord begangen, um seine Machtgelüste zu stillen, und seine Schwägerin geheiratet. Er hatte keine Bedenken, seinen Bruder »unaneled« (›ohne letzte Ölung‹, I,5, V. 77) zu töten, und begeht also Seelenmord, eine zu Shakespeares Zeiten besonders verabscheuungswürdige Tat. Er ist auch ohne weiteres dazu bereit, seinen Neffen Hamlet töten zu lassen, als dieser ihm durch seine Andeutungen und seine Gewaltbereitschaft gefährlich wird. Er benutzt Laertes in der Absicht, Hamlet zu beseitigen. Claudius stirbt am Ende durch Hamlets Schwert; dieser rächt sich somit an seinem Onkel.

Der Geist bezeichnet Claudius zwar als »wretch« (I,5, V. 51), dessen natürliche Gaben im Vergleich zu den eigenen ärmlich seien. Doch alles spricht dafür, dass Claudius die Staatsgeschäfte in Claudius – ein guter König?höchst kompetenter Weise zu erledigen versteht. Seine erste Rede vor dem versammelten Hof (I,2, V. 1–39) ist ein Glanzstück der Rhetorik und lässt den souveränen Herrscher erkennen. Seine erste Handlung nach der Krönung, die Entsendung der Botschafter nach Norwegen zur Entschärfung militärischer Spannungen, ist ein voller Erfolg für den dänischen Staat. Auch im Umgang mit seinen Untertanen nimmt man einen souveränen Herrscher wahr.

Bei aller Achtung für sein politisches Können darf man nicht vergessen, mit welcher Kälte und welchem Zynismus er die Menschen um ihn herum manipuliert. Sein Umgang mit Laertes ist hierfür ein gutes Beispiel (siehe hierzu die ausführliche Analyse von IV,7 in Kapitel 6: »Interpretationsansätze« dieses Lektüreschlüssels, S. 116–126).

Die oben genannten positiven Eigenschaften machen Claudius zu einem Ein komplexer Antagonist komplexeren Bösewicht, als es die meisten Schurken sind, die es auf der Bühne zu sehen gibt. Sein Charakter gewinnt dadurch an Tiefe, dass er ein Gewissen hat. Das von Hamlet veranstaltete ›Spiel im Spiel‹ (III,2, nach V. 136 – V. 265) konfrontiert Claudius mit seiner Tat. In der darauffolgenden Szene ringt er mit sich selbst und mit seiner Schuld in glaubwürdiger Weise. So sind die Sympathien der Zuschauerinnen und Zuschauer, wenn auch für kurze Zeit, unter Umständen bei Claudius. Nur die (sehr menschliche) Einsicht, dass in seiner Lage die Reue nicht möglich ist, da er so sehr an den Früchten seines Verbrechens – seiner Macht und seiner Frau – hängt, lässt ahnen, dass er seinen Weg fortsetzen, seine Tat nicht gestehen wird. Trotzdem bleibt es für das Genre der Rachetragödie eher ungewöhnlich, dass in dieser Ausführlichkeit ein Einblick in die Gedankenwelt des Bösewichts gewährt wird. Hamlet, dem tragischen Helden, wird gewissermaßen ein zweiter tragischer Held gegenübergestellt. Hierin sind auch die Gründe dafür zu suchen, dass so manche Kritikerinnen und Kritiker bei Ablehnung des unerträglichen und schwachen Prinzen die positiven Eigenschaften seines umso stärkeren und durchsetzungsfähigeren Onkels hervorheben und schätzen.4 Die Tatsache, dass er seine Frau im fünften Akt nur sehr zaghaft vom Trinken des Gifts zurückzuhalten versucht, sie lieber sterben lässt, als seinen Verrat auffliegen zu lassen (V,2, V. 276 f.), ist allerdings ein gewichtiger Grund, diese Figur doch in erster Linie als ruchlosen Bösewicht aufzufassen.

Gertrude

Gertrude hat den Bruder ihres verstorbenen Ehemanns geheiratet, eine im Elisabethanischen Zeitalter in den Augen der Kirche als inzestuös geltende Verbindung (siehe zur Inzestfrage das Kapitel 5: »Quellen und Kontexte« dieses Lektüreschlüssels, S. 84–86). Gertrude ist in vieler Hinsicht eineEine rätselhafte Frau rätselhafte Frau. Es hat den Anschein, dass sie einfach ihren Wünschen folgt, allerdings ohne Wissen um das Böse, das sie umgibt. Dafür spricht ihre Reaktion auf das ›Spiel im Spiel‹: Sie ist vor allem darüber erbost, dass Hamlet seinen Onkel verletzt hat, und scheint von den wahren Zusammenhängen nichts zu ahnen. Das lässt vermuten, dass sie an der Ermordung ihres Mannes unbeteiligt gewesen ist. Es ist nicht eindeutig, zu welchem Zeitpunkt ihr Verhältnis mit Claudius begonnen hat. Zwar spricht der Geist von seinem ›ehebrecherischen‹ Bruder, aber das kann auch bedeuten, dass die Eheschließung in den Augen des Geistes einem Betrug gleicht. Darüber hinaus ist auch die Vermutung plausibel, Gertrude habe nach dem Tod ihres Mannes ihren Schwager aus Bequemlichkeit und aus dem Wunsch, sich nicht vom Zentrum der Macht entfernen zu müssen, geheiratet. Es ist übrigens nicht klar, wie sehr sie ihren neuen Mann liebt, denn nirgendwo drückt sie ihre Gefühle für ihn aus. Auch Claudius gibt seine Gefühle für Gertrude an keiner Stelle glaubhaft preis.

Gertrude schweigt auch zur moralischen Frage des Inzests. Hamlets unkontrollierte Auslassungen über ihr angebliches Vergehen (III,4, V. 144–165) unterbricht sie mit dem Ausruf »O Hamlet, thou hast cleft my heart in twain.« (III,4, V. 156), der eher die Unmöglichkeit, gleichzeitig ihrem Sohn und ihrem Ehemann gerecht zu werden, als ein Schuldbewusstsein ausdrückt.

In der Schlussszene trinkt Gertrude aus dem vergifteten Becher – wohl unwissend von seiner Tödlichkeit. So wird sie Opfer des tragischen Geschehens. Gertrude scheint eher eine naive Mitläuferin als eine Verbrecherin zu sein.

Polonius

Polonius ist Erfahrener Staatsmann ein Staatsmann; über sein genaues Amt informiert das Figurenverzeichnis, wenngleich seine Aufgaben nicht genannt werden: Er ist »chief councillor and Lord Chamberlain«, also der leitende Beamte am dänischen Hof. Er selbst nennt sich »assistant for a state« (II,2, V. 166). Im Laufe der Zeit hat er dem dänischen Staat gute Dienste geleistet und ist der engste Berater des Herrschers geworden. Claudius findet ihn »faithful and honourable« (II,2, V. 130). Polonius’ Glaube an sein eigenes Urteilsvermögen ist unerschütterlich, ja, er hält sich für unfehlbar: »Hath there been such a time […] / That I have positively said ›’Tis so‹, / When it proved otherwise?« (II,2, V. 153–155). Er täuscht sich jedoch darin, dass die Ursache für die Melancholie Hamlets in der unglücklichen Liebe zu seiner Tochter Ophelia liegt. Verhängnisvoller Irrtum Diese Täuschung und die Strategien, die er verfolgt, um das Königspaar von seiner Ansicht zu überzeugen, werden ihm zum Verhängnis.

Polonius ist ein kommunikativer Mensch – Hamlet nennt ihn einen »foolish prating knave« (III,4, V. 215) –, und er Manipulation und Spionage manipuliert Menschen durch seine wortreiche und gelegentlich verschachtelte Redeweise. Er beauftragt Reynaldo, seinem Sohn nachzuspionieren, und erteilt ihm Ratschläge, wie der schwierige Auftrag zu erfüllen sei. Dabei versucht er, dem jungen Höfling die Kunst des Manipulierens beizubringen. Da er um die Unschuld Ophelias und somit auch um seinen eigenen sozialen Status besorgt ist, überzeugt er sie von der Unaufrichtigkeit Hamlets: Ophelia glaubt fortan nicht mehr an eine zukunftsträchtige Liebe und will ihrem Vater ohne weiteres gehorchen. Weil er seine Tochter derart ausnutzt, nennt Hamlet ihn einen »fishmonger« (II,2, V. 174, wörtlich ließe sich das mit ›Fischhändler‹ übersetzen, in übertragener Bedeutung meint Hamlet jedoch einen Bordellbesitzer).

Auf der Bühne und im Film wird Polonius häufig als eine Art geschwätziger Clown dargestellt – seine Zeilen zählen ja auch zu den unterhaltsamsten des Stücks –, aber so verkennt man seine Funktion als berechnender und fähiger Staatsmann und Machtmensch. Polonius mag gelegentlich zerstreut wirken, aber er ist zumeist umsichtig und wägt die genaue Wirkung seiner Worte ab – vermutlich eine bewährte Taktik, die ihm zu seiner hohen Stellung verholfen hat. Typisch ist die Qualifizierung seiner Aussagen durch but. Im folgenden Zitat erteilt er Ratschläge an seinen Sohn, der gerade nach Paris aufbricht:

Be thou familiar, but by no means vulgar;

Those friends thou hast, and their adoption tried,

Grapple them unto thy soul with hoops of steel,

But do not dull thy palm with entertainment

Of each new-hatched, unfledged courage. Beware

Of entrance to a quarrel, but, being in,

Bear’t that th’ opposèd may beware of thee.

Give every man thy ear, but few thy voice,

Take each man’s censure, but reserve thy judgment.

(I,3, V. 61–69)

Dieser Abschnitt gipfelt in der wohllautenden Empfehlung »to thine own self be true« (I,3, V. 78), die sprichwörtlich geworden ist. Polonius zeigt sich hier als einer, der im Umgang mit seinen Zeitgenossen sehr vorsichtig ist und mit einer großen Intelligenz vorgeht.

Polonius stirbt beim Versuch, ein Gespräch zwischen Gertrude und Hamlet zu belauschen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sind zwar entsetzt über die Tat und über die Plötzlichkeit des Todes, empfinden aber wenig Mitleid mit einem alten Mann, der zum Intrigieren und Manipulieren neigt. Hamlets Worte »Thou find’st to be too busy is some danger.« (III,4, V. 32) bringen es auf den Punkt: Polonius’ ständiges Sich-Einmischen bringt Gefahr mit sich.

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