

Gottfried Keller
Romeo und Julia auf dem Dorfe
Lektüreschlüssel XL
für Schülerinnen und Schüler
Von Klaus-Dieter Metz
Reclam
Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe:
Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe. Novelle. Hrsg. von Wolfgang Pütz. Stuttgart: Reclam, 2013 [u. ö.]. (Reclam XL. Text und Kontext, 19040.)
Diese Ausgabe des Werktextes ist seiten- und zeilengleich mit der in Reclams Universal-Bibliothek Nr. 6172.
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Lektüreschlüssel XL | Nr. 15487
2019 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2019
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961484-7
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015487-8
www.reclam.de
1. Schnelleinstieg

Eine Züricher Freitags-Zeitung, 3. September 1847Kurzmeldung macht den Anfang. In ihr heißt es, ein jugendliches Liebespaar habe sich nach durchtanzter Nacht in einem Wirtshaus eines sächsischen Dorfes auf dem Feld erschossen, da es wegen seiner zerstrittenen Elternhäuser nicht habe zusammenkommen können.1
Diese Realität, nicht NachahmungNachricht steht am 3. September 1847 in der Züricher Freitags-Zeitung. Sie wäre aber längst vergessen, wenn nicht ein Schweizer Dichter die Meldung zum Ausgangspunkt einer Geschichte gemacht hätte. Zeit seines Lebens hat Gottfried Keller immer wieder Wert darauf gelegt zu betonen, dass seine Geschichte von Romeo und Julia auf diese Weise entstanden und keine bloße Nachahmung Shakespeares sei.
Wenn ein Dichter – so leitet Keller seine Geschichte ein – sich wieder einmal eines traurigen Schicksals annimmt, wie es jener Zeitungsnachricht aus dem Jahr 1847 zugrunde liegt, dann muss er wissen, dass ein solches Geschehen nicht einmalig, nicht originell ist, sondern dass auf Uralter Stoff … in immer neuen VariationenStoffen dieser Art von jeher »die großen alten Werke gebaut sind« (S. 3); denn die Zahl dieser Fabeln ist zwar gering, »aber stets treten sie in neuem Gewande wieder in die Erscheinung« (S. 3).
Also hat auch Keller seine Geschichte Romeo und Julia betitelt, um von vornherein zu demonstrieren, dass sich solche uralten Geschichten immer wieder aufs Neue ereignen. Hätte er dies unterlassen, wäre er zudem kaum dem Vorwurf entgangen, er habe sich einer großen alten Tradition bedient, ohne dies kenntlich zu machen. Die stets in neuen Variationen und Brechungen wiederkehrenden Urstoffe faszinieren offensichtlich Dichter so sehr, wenn sie ihnen im wirklichen Leben begegnen, dass sie gar nicht anders können, als sie auf ihre eigene Art festzuhalten, sie also in Poesie zu verwandeln. Und sie bauen darauf, dass ihr Werk Leser und Leserinnen abermals für sich gewinnt, denn die alten Stoffe müssen sich unaufhörlich an der Wirklichkeit reiben, sich an ihr beweisen, in ihr zu Hause bleiben.
Was sich also früher bei Shakespeare abgespielt hat, ist auch bei Keller nicht aus der Welt geschafft: Zwei Menschen möchten zueinander finden, sich ganz gehören. Das kann aber nicht geschehen, da sie Gruppen oder Parteien angehören, die sich Grundsituation: Feindschaft und Liebefeindlich gegenüberstehen. Dies ist die Grundsituation, aus der die Katastrophe entsteht; denn die beiden, die sich lieben, gehen in den Tod, weil sie nicht zusammenkommen dürfen.
Kellers Geschichte lehrt darüber hinaus – und darin unterscheidet sie sich gründlich von Shakespeares Tragödie – warum Menschen überhaupt zu Romeos und Julias werden, warum Streit und Feindschaft entstehen, wie Entstehung von Unrecht und SchuldUnrecht und Schuld, zuerst meist alltäglich, nicht erwähnenswert, im Stillen und Verborgenen wachsen, dann groß werden, überhandnehmen, bis sie Menschen rücksichtslos gegeneinander treiben und sie zu unerbittlichen Gegnern machen, die nicht nur sich selbst, sondern auch noch die ihnen nahestehenden Personen blindlings mit ins Verderben reißen.
Was sich bei Shakespeare in der Stadt Verona und bei Keller auf dem Dorfe ereignet, kann sich jederzeit an einem Im Wandel: Schauplätze und Figurenanderen Ort, in jedem Winkel der Welt wiederholen, also im Flüchtlingslager, am Arbeitsplatz, auf der Straße, im Klassenraum, im Jugendtreff, im Sportstadion, beim Feiern im Club. Und wie schon Kellers Figuren nicht mehr Romeo und Julia, sondern Sali und Vrenchen heißen, so wechseln bis heute und in Zukunft die Namen der Menschen, die in Liebe zusammenleben möchten, aber Opfer von Feindschaft, Hass und Gewalt werden, nur weil sie gegnerischen Lagern angehören.
Alle Romeos und Julias aber stehen als Beweis dafür, dass Liebe auch mitten in einer aussichtslosen Situation noch ihren Platz hat und ihn behauptet. Das muss die eigentliche Die eigentliche BotschaftBotschaft, die Hoffnung sein, die von Geschichten wie Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe trotz aller Dunkelheit und Tragik ausgeht. Die Unbeteiligten, hier also die Leser, müssen eine Einsicht gewinnen, die weit über das Schicksal aller Romeos und Julias hinausreicht: Die Liebe hat nicht im Tod, sondern im Leben ihren Platz, sie kann nur in der Welt ihren Sinn suchen und ihre Erfüllung finden. Auch Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe muss letzten Endes diese Lebensbejahung als Botschaft aussenden können.
2. Inhaltsangabe
Pflügende Bauern und spielende Kinder (S. 3–11)
In der Nähe eines Flusses, unweit von Seldwyla, einem kleinen Schweizer Städtchen, erstrecken sich über eine Anhöhe drei Äcker. Dort Pflügende Bauernpflügen an einem sonnigen Septembermorgen Manz und Marti, zwei etwa 40 Jahre alte Bauern aus einem nahegelegenen Dorf, die beiden äußeren Felder mit sicherer Hand. Nur der mittlere, seit mehr als 20 Jahren herrenlose Acker trennt die Pflüger voneinander. Diese gehen zwar in entgegengesetzter Richtung, sonst aber kaum voneinander unterscheidbar, ruhig und harmonisch ihrer Arbeit nach.
Erst als die Kinder der beiden Männer, der siebenjährige Sali und die fünfjährige Vrenchen2, einen Imbiss in einem kleinen Wägelchen heranfahren, unterbrechen Manz und Marti ihre Tätigkeit und setzen sich einträchtig zusammen. Dabei kommt bald die Rede auf den mittleren, inzwischen vollkommen verwilderten Acker und dessen mutmaßlichen Eigentümer. Es handelt sich um einen Landstreicher, Gelegenheitsarbeiter und -musiker: den schwarzen Manz und Marti über den schwarzen GeigerGeiger; so genannt, da ihm mit der Zeit der bürgerliche Name verlorengegangen ist. Manz und Marti, beide gestandene Bauersleute, sind wie alle anderen Dorfbewohner jedoch in keiner Weise bereit, den Wohnsitzlosen in ihre Gemeinde aufzunehmen; denn sie enthalten ihm wissentlich das ihm zustehende Stück Land vor, auf das er als Enkel des ehemaligen Eigentümers, eines längst verstorbenen Trompeters, Anspruch hätte. Obwohl Manz und Marti Abhilfe schaffen könnten, denken beide nicht daran, das Verwandtschaftsverhältnis und den daraus folgenden Erbanspruch auf den verwilderten Acker zu bezeugen, sodass der schwarze Geiger ohne Papiere und damit ohne Rechte bleibt.
Während dieses Gesprächs richten die beiden Kinder mitten in der Wildnis des herrenlosen Ackers ihren Spielplatz ein. Hier zerstören und begraben sie Vrenchens mitgebrachte Puppenspiel der KinderPuppe, in deren Kopf sie zuvor noch eine lebende Fliege eingesperrt haben. Anschließend zählen sie sich im friedlichen Beieinander und in kindlicher Unschuld gegenseitig ihre Zähnchen durch, ohne zu einem Ergebnis zu kommen, ehe sie in der warmen Herbstsonne erschöpft einschlafen.

Abb. 1: Pflügende Bauern und spielende Kinder; Holzschnitt von Ernst Würtenberger. – In: Schweizerland 5 (1919) H. 9/10
Als die Landraub der VäterVäter endlich ihre Feldarbeit beendet haben, pflügen beide, jeder auf seiner Seite, eine stattliche Furche vom verwilderten Acker ab und schlagen sie in stiller Übereinkunft ihrem Eigentum zu, ohne dass der eine das Unrecht des anderen wahrnehmen will.
Streit der Väter (S. 11–30)
Dieser unscheinbare, einmal jährlich begangene Frevel, der den mittleren Acker allmählich zu einem langen, schmalen Band schrumpfen lässt, wiederholt sich so lange, bis endlich das Reststück zur Versteigerung des mittleren AckersVersteigerung kommt. Die einzigen ernsthaften Bieter sind die beiden Anlieger, wobei Manz es schließlich erwirbt.
Marti hat allerdings kurz zuvor aus dem unteren Teil des Versteigerungsobjekts noch einen auf den ersten Blick unscheinbaren Zipfel herausgepflügt und diesen seinem Feld zugeschlagen. Da er nun nicht bereit ist, diese das Auge störende Unregelmäßigkeit wieder rückgängig zu machen, und Manz keineswegs auf das herausgeschnittene Dreieck und SteinpyramideDreieck verzichten will, belastet dieser beim Säubern seines neu erworbenen Grundstücks das strittige Eckchen Land mit all den Steinen, die beide Bauern von jeher während des Umpflügens ihrer Äcker auf das herrenlose Anwesen geworfen haben. Diese aus Rache von Manz auf dem Dreieck errichtete Steinpyramide ist der Ausgangspunkt für langjährige gerichtliche Auseinandersetzungen zwischen den zwei Bauern, die nicht eher ruhen, bis sie ihre Familien zugrunde gerichtet haben. Um mit den zwei Prozessführenden ihren Spaß zu treiben oder in ihre eigene Tasche zu wirtschaften, helfen ›Berater‹ aus dem nahen Seldwyla kräftig mit, durch falsche Ratschläge die Streitenden vollends in den Ruin zu treiben.
Schließlich ist Manz der Erste, der völlig Verarmung und Verwahrlosungverarmt sein Anwesen aufgeben und das Heimatdorf verlassen muss, um notgedrungen in Seldwyla eine abgewirtschaftete Kneipe zu übernehmen, ohne damit die weitere Verarmung seiner Familie und die zunehmende Verwahrlosung seiner Persönlichkeit aufhalten zu können. Der Rivale Marti hält sich nach wie vor auf seinem Hof, da er nach dem Tod seiner Frau, die frühzeitig aus Scham und Kummer gestorben ist, nur für sich und seine anspruchslose Tochter aufkommen muss, sodass er weniger verbraucht als die dreiköpfige, mehr zur Prahlerei neigende Familie Manz.
Nach zwölf Jahren sind beide Bauern ganz unten angekommen, und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich mit Beim FischenFischfang das Allernotwendigste zum Leben zu beschaffen und zugleich mit stundenlangem Angeln den Tag totzuschlagen. Nach wie vor haben die Männer allein im Kopf, was man dem verhassten Gegner Böses anhängen oder besser noch, wie man ihn vollends in den Abgrund stoßen kann.
Leidtragende des endlosen Streits zwischen beiden Familien sind die Leidtragende KinderKinder. Sali ist nun ein ansehnlicher junger Mann im Alter von 19 Jahren, aber ohne eigentliche Erziehung, vor allem aber ohne Ausbildung und Arbeit; Vrenchen ist ein 17-jähriges außergewöhnlich schönes Mädchen, das das unaufhaltsam zerfallende Familienanwesen, so gut es geht, selbstlos zusammenzuhalten versucht.
Beide Kinder haben sich aus den Augen verloren und sehen sich nach langer Zeit im Beisein ihrer Väter beim Fischfang an einem Bach erstmals wieder. Als die Streithähne nach lauten Beschimpfungen sich auf einem schwankenden Auf dem StegSteg auch noch zu schlagen beginnen, sodass knapp über dem Wasser mitten in einem Gewitter ein Kampf auf Leben und Tod einsetzt, bringen Sali und Vrenchen mit vereinten Kräften die außer sich geratenen Männer auseinander, obwohl sie eigentlich ihren Vätern haben beistehen wollen. Als sie auseinandergehen, geben sich beide Kinder sogar, von den Alten unbemerkt, schweigend die Hände.
Salis Steinschlag (S. 30–44)
Schon am folgenden Tag finden Sali und Vrenchen wie von selbst wieder zusammen. Ihr Stelldichein verabreden sie da, wo sie schon als Kinder zusammen gespielt haben, nämlich an jenem umstrittenen Ackerzipfel zwischen den beiden Feldern. Unversehens aber begegnen sie hier dem schwarzen Begegnung mit dem schwarzen GeigerGeiger. Nicht nur dessen unerwartetes Auftreten und unheimliches Aussehen, sondern auch die von ihm nun ausgesprochene Schuld der Eltern an seinem Unglück stören beträchtlich die Wiedersehensfreude der Kinder. Zudem beschwert die Prophezeiung des Landstreichers, er werde gewiss noch den Tod des jungen Paares erleben, das Beisammensein.
Wieder allein, vergessen Sali und Vrenchen vorübergehend alles Unglück, während sie mitten im reifen Korn Zärtlichkeiten austauschen. Als aber Vrenchens Vater die beiden aus dem Kornfeld kommenden Kinder entdeckt und er seine Tochter misshandelt, schlägt Salis TatSali ihn halb aus Angst, halb im Jähzorn mit einem Stein der ehemals von Manz errichteten Steinpyramide nieder. Er verletzt Vrenchens Vater dabei so schwer am Kopf, dass dieser für immer seinen Verstand verliert.
Liebe und Tod der Kinder (S. 44–80)
Vrenchen verschweigt hartnäckig, wie es zu Martis Verletzung gekommen ist, sodass Salis Schuld unentdeckt bleibt. Nachdem sie fast zwei Monate lang den Vater aufopferungsvoll gepflegt hat, weist man ihn auf Gemeindekosten in eine geschlossene Marti zu den GeistesgestörtenAnstalt in der Hauptstadt des Landes ein, wo Marti den Rest seines Lebens verbringen muss; denn Haus und Hof sind überschuldet und müssen geräumt werden.
Als schließlich Vrenchen den Vater auf dessen letzter Reise begleitet hat, verbringt sie erstmals mit Sali den Abend in dem heruntergekommenen Sali zu Hause bei VrenchenHaus, das das Mädchen nur noch zwei Tage bewohnen darf. Wie vor zwölf Jahren draußen auf dem verwilderten Acker schlafen beide Kinder friedlich nebeneinander ein, nur dieses Mal nicht in der mittäglichen Septembersonne, sondern abends auf dem warmen Küchenofen, dem einzigen Gegenstand, der in dem bereits leer geräumten Haus noch Wärme spendet. Den beiden unglücklich Verliebten wird während ihres Beisammenseins aber völlig klar, dass Salis Tat und deren Folgen eine gemeinsame Zukunft endgültig verstellt haben, sodass eine Trennung für immer unumgänglich ist.
Was Sali und Vrenchen sich schließlich zugestehen, ist ein einziger Gemeinsamer SonntagSonntag, an dem sie alles das durchleben möchten, was einem Liebespaar sonst in einer langen glücklichen Brautzeit vergönnt ist. Wie vor zwölf Jahren ist auch dieser Tag wiederum ein sonniger Herbsttag, an dem nun frühmorgens Vrenchen zusammen mit Sali das elterliche Anwesen verlässt, sodass sie von jetzt an ohne Unterkommen ist. Auch Sali nimmt in einer eigenartigen Stimmung von zu Hause Abschied. Zudem hat er tags zuvor noch seine Uhr mitsamt Kette versetzt, auf Vrenchens Wunsch ein Paar Tanzschuhe für das Mädchen besorgt, und so ziehen beide, einem glücklichen Brautpaar gleich, übers Land. Sie haben nur einen Wunsch: ein einziges Mal glückselig miteinander tanzen zu können, bevor sie dann auseinandergehen wollen.
Nach einem feinen Frühstück in einem Landgasthof essen sie als ein angesehenes Auftreten als HochzeitspaarBrautpaar im nächsten Ort zu Mittag und besuchen die Kirchweih in einem dritten Dorf, wo Sali ein kleines Lebkuchenhaus für seine heimatlose Vrenchen ersteht und die beiden Kinder auch noch heimlich Ringe füreinander erwerben. Da die Festbesucher sie aber bald als die Nachkommen der zwei verfeindeten und verkommenen Bauernfamilien erkennen, Vertreibungfliehen sie verschämt und verstört vor den sie umringenden Gaffern.
Stattdessen besuchen sie ein halbverfallenes Wirtshaus, das sogenannte Im ParadiesgärtleinParadiesgärtlein, in dem armes und fahrendes Volk auf seine eigene Art den Festtag verbringt. Hier spielt auch der schwarze Geiger zum Tanz auf. Zur Überraschung von Sali und Vrenchen empfängt er sie sogar freundlich und nimmt sich ihrer an, sodass sie beginnen, sich unter seiner Obhut wohl zu fühlen, und nun endlich so viel tanzen können, wie sie wollen.
Spät abends veranstaltet dann der schwarze Geiger mit beiden eine Trauungszeremonie nach Art der Heimatlosen und führt sie in einem närrisch ausgelassenen Nächtlicher HochzeitszugHochzeitszug über Felder und durch Dörfer. In der Dunkelheit des zu Ende gehenden Sonntags ziehen Sali und Vrenchen wie im Rausch noch einmal an dem Unglücksacker vorüber, der ihr Zusammensein auf Dauer unmöglich gemacht hat. Das verführerische Angebot des schwarzen Geigers, es den Heimatlosen nachzumachen und in deren Gemeinschaft eine wilde Ehe zu führen, lehnen die beiden Bauernkinder aber entschieden ab. Unbemerkt verlassen sie die außer Rand und Band geratene Gesellschaft.
Der nahe Fluss, dessen Wasser ihnen wie ihr erhitztes Blut in den Ohren rauscht, zieht jetzt Sali und Vrenchen unwiderstehlich in seinen Bann. Beide erfasst gleichermaßen ein leidenschaftliches Verlangen, augenblicklich Hochzeit zu halten und dann in den Tod zu gehen. So tauschen sie als Zeichen ihrer Verbundenheit die auf der Kirchweih füreinander gekauften Ringe und machen ein am Ufer liegendes Heuschiff zum Hochzeitsnacht und FreitodBrautbett. Da Sali es zuvor losgebunden hat, treibt es die ganze Nacht über langsam flussabwärts in Richtung Stadt. Am frühen Morgen gleiten sie in das herbstlich kalte Wasser hinab und ertränken sich eng umschlungen.
ZeitungsmeldungZeitungsmeldungen berichten über den Tod der beiden Bauernkinder, nicht ohne den zunehmenden Verfall von Sitte und Moral, der hinter der Liebesnacht und dem doppelten Freitod stehe, anzumahnen.
3. Figuren

Abb. 2: Figurenkonstellation
Gottfried Keller geht in Romeo und Julia auf dem Dorfe mit FigurenbestandFiguren äußerst sparsam um. Um vier Figuren dreht sich die gesamte Handlung; lediglich zweimal greift eine fünfte entscheidend in die Ereignisse ein. Das aber genügt, um die Geschichte vor den Augen des Lesers plastisch erstehen zu lassen. Die Konzentration auf wenige Figuren erhält noch mehr Gewicht, wenn man berücksichtigt, dass vier der fünf Handlungsträger paarweise zusammengehören (Manz und Marti sowie Sali und Vrenchen); dagegen nimmt der schwarze Geiger, platziert zwischen den beiden Paaren, als Einzelfigur am Geschehen teil.
Hinzu kommen Neben-, ja Randfiguren, die bisweilen in den Vordergrund rücken (Frau Manz) oder für einen Augenblick in die Handlung eintreten, um dann sofort wieder und für immer zu verschwinden (Bäuerin, Wirtsleute, Knechte, Mägde, Landleute, Seldwyler, Heimatlose usw.). Von einer Figur (Frau Marti) ist nur ganz beiläufig die Rede, ohne dass sie dem Leser ein einziges Mal persönlich begegnet.
Manz und Marti
Schon ihre Namen zeigen ZwillingshaftesZwillinghaftes an, und erst recht kommt dies in ihrem Aussehen und Tun zum Ausdruck. Vor allem das Eingangsbild mit den beiden pflügenden Bauern zeigt ununterscheidbare, zum Verwechseln ähnliche Gestalten in größtmöglicher Übereinstimmung: Beide
»waren lange knochige Männer von ungefähr vierzig Jahren und verkündeten auf den ersten Blick den sichern, gutbesorgten Bauersmann. Sie trugen kurze Kniehosen von starkem Zwillich, an dem jede Falte ihre unveränderliche Lage hatte und wie in Stein gemeißelt aussah. […] indessen die wohlrasierten Gesichter ruhig und aufmerksam, aber ein wenig blinzelnd in den Sonnenschein vor sich hin schauten […]. Langsam und mit einer gewissen natürlichen Zierlichkeit setzten sie einen Fuß um den andern vorwärts und keiner sprach ein Wort, außer wenn er etwa dem Knechte, der die stattlichen Pferde antrieb, eine Anweisung gab. So glichen sie einander vollkommen in einiger Entfernung.« (S. 3 f.)
Gemeinsam in den UntergangGemeinsam verkörpern sie Arbeitsamkeit, Festigkeit, Geradlinigkeit, ein gesundes Bauerndasein also. Auch Jahre danach, als sie miteinander im Streit liegen, zeigen sie wiederum ein und dieselben Eigenschaften, nämlich Müßiggang, Eigensinn, Engstirnigkeit, und selbst im Stadium des vor Augen stehenden Untergangs kennzeichnen beide Verwilderung und Verwahrlosung ihres Aussehens, ihrer Persönlichkeit und ihres Besitzes. Beide verlegen sich auf das Fischen am Bach, um wenigstens etwas Essbares an Land zu ziehen, und beide müssen schließlich ihr dörfliches Zuhause aufgeben. Zuallerletzt werden sie sogar gewalttätig und gehen aufeinander los. In den Augen der Außenstehenden sind sie Narren, über die man nur lachen und sich lustig machen kann. Manz’ und Martis Realitätsverlust ist so groß, dass sie all das nicht mehr wahrnehmen und wie Blinde in ihr Verderben rennen.
So gesehen sind Manz und Marti weniger Individuen als Typen der gemeinen ArtTypen. Sie könnten auch Meier und Müller oder Hinz und Kunz heißen. Manz und Marti gehören zu denen, die unter ihresgleichen zusammenhalten, solange der eigene Vorteil gewahrt bleibt. Unterlegenen gegenüber zeigen sie keinerlei Solidarität. Hochmütig, überheblich grenzen sie Menschen aus, die nicht so sind wie sie selbst. Sie schrecken nicht davor zurück, sich deren Besitztümer nach und nach anzueignen, weil solche sozial und wirtschaftlich Schwachen doch nichts taugen und nur alles verderben.
Als jedoch Manz und Marti selbst auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter angekommen sind, Ungleiches und Trennendestrennen sich ihre Wege für immer: Marti, tatsächlich zum Narren geworden, verbringt den Rest seines Lebens in einer geschlossenen Anstalt. Manz dagegen ist unter die Hehler geraten, sodass es nur eine Frage der Zeit bis zu einer Verhaftung ist.
Bei genauerem Hinsehen unterscheiden sich beide Bauern in Kleinigkeiten schon sehr früh: zum ersten Mal eingangs bei ihrer Feldarbeit, da »der eine den Zipfel seiner weißen Kappe nach vorn trug, der andere aber hinten im Nacken hängen hatte« (S. 4). Besonders deutlich werden die Ungleichheiten dann im Streit, als nämlich Marti seinem Rivalen Manz einen Zipfel (man denke an die Mützen!) aus dem herrenlosen Acker herauspflügt, bevor dieser ihn ersteigert. Für Manz aber muss alles »zuletzt eine ordentliche grade Art haben« (S. 13); denn ihn beherrscht »ein wunderbarer Sinn für Symmetrie und parallele Linien« (S. 16). Eben diese Überkorrektheit, die eigene Schuld zudecken soll, gibt den entscheidenden Anstoß zum offenen Ausbruch des Konflikts: Marti nämlich »geniert das Krumme gar nicht« (S. 13) bei der Vergrößerung seines Eigentums, die ja sowieso auf einer krummen Sache beruht. Er seinerseits ist es jedoch, der die gerichtliche Auseinandersetzung beginnt, da die Steinpyramide, die Manz auf dem umstrittenen Dreieck errichtet, für Marti augenblicklich zu einer unerträglichen Belastung auf seinem Grund und Boden wird. Überhaupt schlagen Marti diese Steine vollends nieder; denn ihn trifft die Wucht und Kraft eines Steines so hart und schwer, dass er den Verstand verliert.
Unterschiedlich verlaufen auch Manz’ und Martis Familiengeschichten: Marti ist frühzeitig verwitwet; denn seine Die EhefrauenFrau überlebt den Verfall des Hauses nicht, während Manz’ Frau den Weg des Mannes nach unten mitgeht. Sie legt dabei ein eitles, einfältiges und aufgeblasenes Verhalten an den Tag, geht dann zwar in sich, ohne jedoch Einfluss auf den Ehemann zu haben oder selbst die Kraft zur Umkehr aufzubringen.
In ihrem Verhältnis zu den Kindern Verhältnis zu den Kindern unterscheiden sich Manz und Marti seit Ausbruch ihres Streites beträchtlich: Martis Umgang mit seiner Tochter ist lieblos, er zeigt sich Vrenchen gegenüber sogar rücksichtslos, herrschsüchtig und gewalttätig. Aus dem Vater ist ein Unterdrücker geworden. Manz indessen wagt nicht, über seinen Sohn zu bestimmen. Im Gegenteil, Sali ist sich vollkommen selbst überlassen, er kann machen, was er will, den Vater kümmert es nicht. Überhaupt ist Manz der weichere, wehmütigere Typ. So bemerkt der Erzähler nach der Rauferei mit Marti auf dem Steg: »[…] ungesehene Tränen rieselten ihm [Manz] in den Stoppelbart, die er fließen ließ, um sie durch das Wegwischen nicht zu verraten« (S. 30). Trotz oder gerade wegen seiner Verwahrlosung behält Manz »eine unwillkürliche Achtung vor dem Sohne […], in welchem er mit verwirrtem Gewissen und gepeinigter Erinnerung seine eigene Jugend achtete« (S. 20). Schon deswegen geht er Sali gern aus dem Weg, wenn er ihn nicht mit Handlangerdiensten beschäftigt. – Beiden Vätern bleibt aber letztlich gemeinsam, dass sie seit Beginn des törichten Streites jedes Interesse an den Kindern, die ihre beiden einzigen sind, verloren haben.