Книга Tonio Kröger von Thomas Mann: Reclam Lektüreschlüssel XL - читать онлайн бесплатно, автор Swantje Ehlers. Cтраница 2
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Tonio Kröger von Thomas Mann: Reclam Lektüreschlüssel XL
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Tonio Kröger von Thomas Mann: Reclam Lektüreschlüssel XL

Formale Gliederung

Die Novelle ist nach Gegensätzen strukturiert. Räume und Figuren stehen jeweils für getrennte Bereiche und Daseins- und Lebensformen. Einander polar zugeordnet sind: Künstler und Bürger, Kunst und Leben, Außenseiter und Normale, überfeinerter Dichter und pragmatisch Handelnde, körperliche Schwäche und körperliche Stärke, Intellekt und Naivität, Männlichkeit und Weiblichkeit. Die Spannungen zwischen diesen Gegensätzen bestimmen die Thematik, den Verlauf der Geschehnisse und die innere Konfliktlage des Helden. Sie werden am Ende nicht aufgelöst, aber in ein Verhältnis zueinander gebracht, mit dem der Held leben kann.

Strukturbildend für die Novelle ist des Weiteren die Gliederung des Raumes in Norden/SüdenNorden und Süden. Mit dieser geographischen Gegenüberstellung sind kulturelle Stereotype, Schematisierungen und Wertzuschreibungen verbunden. Mit dem Norden sind das Bürgertum, die Erkenntnis und das Männliche assoziiert, mit dem Süden das Künstlertum, das Sinnliche und das Weibliche. In dieses räumliche Schema fügt sich auch die Stadt im Norden nahe der Ostsee mit der Patrizierfamilie der Krögers und München im Süden mit der künstlerischen Bohème und der Zugehörigkeit der Mutter zur südlichen Sphäre ein. Die Figuren, die nach dem Schema blond/blauäugig vs. braunhaarig/dunkeläugig und bürgerlich vs. künstlerisch eingeteilt sind, sind jeweils dem Norden und dem Süden zugeordnet.

Mit den gegensätzlichen Bereichen verknüpft die Hauptfigur wiederum bestimmte Werte und Normen: Pflicht, Verantwortungsgefühl und geordnete Welt des Vaters sind mit der nördlichen Sphäre verbunden, Nachlässigkeit und unnormiertes, unbürgerliches Verhalten der Mutter dagegen mit der südlichen Sphäre. Auch die Gefühlswelt von Tonio ist zweigeteilt: Das Gefühl von Heimat und emotionaler Verbundenheit zu Menschen und zur Literatur ist im Norden verankert, während er sich von der »süße[n] Sinnlichkeit« und den »lebhaften Menschen« (S. 41) im Süden abwendet und sie ablehnt.

Die genannten Gegensätze, die Inhalt, Aufbau und Figurenanordnung der Novelle bestimmen, verweisen auf einen philosophischen und kunsttheoretischen Kontext um 1900. Die Bedeutung der einzelnen Begriffe wie ›Kunst‹ und ›Leben‹ erschließt sich erst, wenn dieser Hintergrund miteinbezogen wird (siehe Kapitel 6 »Interpretationsansätze«). Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die Gegensätze.


Leitmotivtechnik

Die Wiederaufnahme und Variation von Leitmotiven verknüpfen einzelne Kapitel untereinander. Das 5. Kapitel mit dem Reiseplan steht für sich, während die vier Kapitel davor und danach durch gleiche Motive miteinander verbunden sind. Ein Leitmotiv ist eine textuelle Einheit. Es kann sich dabei um Wörter, Sätze, Situationen, Farben und einzelne Gegenstände oder Räume, wie z. B. das Meer, handeln, denen eine symbolische Bedeutung zukommt. Durch die Wiederholung von Leitmotiven werden räumlich und zeitlich entfernt voneinander liegende Situationen und Geschehnisse zueinander in Beziehung gesetzt und neue Sinnzusammenhänge gestiftet. Thomas Mann hat diese Technik der Leitmotive aus der Musik Richard Wagners übernommen und in das Medium der Sprache und Literatur übersetzt.

Immer wieder werden im Laufe des Textes Motive der Kindheit und Heimat mit dem Walnussbaum, dem Springbrunnen (S. 10, 25, 27, 54) und dem Meer (S. 12, 54, 73) aufgenommen; aber auch der Frühling (S. 26, 28, 29), der für das Leben und Naturnähe steht, das Motiv der Blonden und Blauäugigen in den Kapiteln 1, 2 und 7, 8, die Feldblume im Knopfloch des Konsuls Kröger, die viermal im Text erwähnt wird (S. 10, 25, 26, 49), die Zigeuner im grünen Wagen (S. 11, 15, 26, 52) und das Leitmotiv von Gefühlswärme (»[d]amals lebte sein Herz«, S. 17, 23; »[s]ein Herz lebte« S. 57, 71) und Gefühlskälte (»sein Herz [war] tot«, S. 26) tauchen wiederholt in der Novelle auf.

Funktion der LeitmotiveLeitmotive strukturieren nicht nur die Novelle, sondern geben dem im Vordergrund stehenden Geschehen eine tiefere Bedeutung. Sie stellen übergreifende Zusammenhänge her, die auf den Helden, seine Wahrnehmung der Realität, seinen Zwiespalt und das leitende Thema der Novelle bezogen sind. Die Wiederholung von Szenerien, Figuren, Motiven und stereotypen Eigenschaften bewirkt eine zirkuläre Struktur der Geschichte, da sie den Helden an seinen Ausgangspunkt zurückführt, und erzeugt den Eindruck von Stillstand, als ob sich nichts verändert habe. Doch am Ende ist nichts mehr, wie es war: Die Heimatstadt hat sich verändert, aber auch der Held. Er gelangt, nachdem er sein Leben lang zwischen den Gegensätzen hin- und hergerissen war, zu einer neuen Selbsterkenntnis und Bestimmung seiner sozialen und künstlerischen Identität.

Wie Abbildung 3 (S. 31) zeigt, bestehen zudem zwischen zahlreichen Kapiteln Wiederholungen.


Abb. 3: Wiederkehrende Szenen, Figuren, Themen und Motive in Tonio Kröger

Der Intertextuelle VerweiseText enthält eine Vielzahl von literarischen Anspielungen und expliziten und impliziten Zitaten aus der russischen, skandinavischen und deutschen Literatur, aber auch aus Werken, Briefen und Notizen von Thomas Mann. Sie ergeben ein dichtes Netz an intertextuellen Verweisen. Mehrfach wird auf Heinrich Heine angespielt, der wie der Held nach 13 Jahren in der Fremde (Paris) in die Heimat zurückkehrte. Tonio Kröger verwendet für seine Einsichten und Empfindungen häufig literarische Zitate, wie beispielsweise die Sentenz »Wer am meisten liebt, ist der Unterlegene« (S. 9), das der Erzählung Frau Fönß (dt. 1890) von Jens Peter Jacobsen5 entlehnt ist. Es deutet aber auch auf die Figur des Andreas in Heinrich Manns Im Schlaraffenland (1900) hin. Die Aussage des jugendlichen Helden »Denn das Glück, sagte er sich, ist nicht, geliebt zu werden […]. Das Glück ist, zu lieben […]« (S. 23) ist eine Abwandlung aus Goethes Gedicht Willkommen und Abschied (1775), in dem es heißt: »Und doch, welch Glück! Geliebt zu werden, / Und lieben, Götter, welch ein Glück.«6 In bedeutsamen Szenen im 2. und 8. Kapitel zitiert Tonio die Verszeile aus Storms Gedicht Hyazinthen: »Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen« (S. 21, 70).

Da nicht allen intertextuellen Spuren im Text nachgegangen werden kann, konzentriert sich die Interpretation im 6. Kapitel auf die Intertexte und Zitate, die das Geschehen und die Hauptfigur in besonderer Weise charakterisieren.

Erzählperspektive

Die Novelle setzt ein mit der Beschreibung der Stadt und dem Ende der Schule durch einen Erzähler, der nicht zur Figurenwelt gehört, Vorgänge, Situationen und Figuren von außen darstellt und Einblick in das Innere der Hauptfigur hat. Er entspricht dem auktorialen Erzähler:

»Die Wintersonne stand nur als armer Schein, milchig und matt hinter Wolkenschichten über der engen Stadt.« (S. 7)

Nach einem kurzen Dialog zwischen Tonio und seinem Freund Hans verschiebt sich der Blickpunkt zur Perspektive der Hauptfigur, erkennbar an der erlebten Rede im Imperfekt, der dritten Person Singular und dem Sprachstil der Figur:

»Tonio verstummte, und seine Augen trübten sich. Hatte Hans es vergessen, fiel es ihm erst jetzt wieder ein, daß sie heute Mittag ein wenig zusammen spazieren gehen wollten?« (S. 7)

Neben der erlebten Rede werden die Empfindungen, Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen des Helden durch den Erzähler wiedergegeben, erkennbar an den formelhaften Wendungen »dachte er« oder »fragte er« (S. 12, 26, 67). Oftmals gehen die Gedanken der Figur über in ein inneres Selbstgespräch, wie beispielsweise im 1. Kapitel, als Erwin Jimmerthal das Gespräch zwischen Hans und Tonio unterbricht:

»Tonio verstummte. Möchte ihn doch, dachte er, die Erde verschlingen, diesen Jimmerthal! Warum muß er kommen und uns stören! Wenn er nur nicht mit uns geht und den ganzen Weg von der Reitstunde spricht …« (S. 14)

Auf das Selbstgespräch folgt die Erläuterung des Erzählers über diesen Schulkameraden:

»Denn Erwin Jimmerthal hatte ebenfalls Reitstunde. Er war der Sohn des Bankdirektors und wohnte hier draußen vorm Tore.« (S. 14)

Häufig wird in die erlebte Rede oder das innere Selbstgespräch eine direkte Du-Anrede Tonios an Hans oder Inge eingeschoben. Sie bringt die intensiven Gefühle, die Tonio in einer bestimmten Situation bewegen, zum Ausdruck:

»Stets bist du auf eine wohlanständige und allgemein respektierte Weise beschäftigt. […] Aber darum sind deine Augen so klar. Zu sein wie du …« (S. 12)

Indem der Erzähler die Funktion der InnensichtFigurenperspektive einnimmt, werden die erzählte Welt und die Heldenfigur weitgehend aus der Innensicht der Hauptfigur aufgebaut. Der Leser wird so in das Innere der Figur hineingezogen und kann an deren Gefühlsleben teilhaben. Selbstgespräche geben Einblick, wie der Held emotional auf Situationen und andere Figuren reagiert und welch intensive Auseinandersetzung er mit anderen und mit sich selbst führt (S. 12, 25, 67).

Gattungsfrage

Die Frage, ob es sich bei Tonio Kröger um eine Novelle handelt, ist in der Forschung kontrovers diskutiert worden, obwohl der Untertitel des Bandes Tristan. Sechs Novellen eine eindeutige Zuordnung nahelegt. Thomas Mann selbst hat die Gattungsfrage locker behandelt und sprach von Novelle oder lyrischer Novelle, später wiederum von Erzählung. Innerhalb der Forschung gibt es zwei gegensätzliche Positionen zur Gattungsfrage. In der einen Richtung werden einschlägige Begriffe aus der Novellentheorie des 18. und 19. Jahrhunderts der Gattungsbestimmung zugrunde gelegt, wie das außergewöhnliche, hervorgehobene Ereignis (die ›unerhörte Begebenheit‹), die geschlossene Form, der tektonischer Aufbau mit einer Spitze und einem Wendepunkt, Leitmotive und der Anspruch der Objektivität. Da diese Merkmale und insbesondere die ›unerhörte Begebenheit‹ nicht auf Tonio Kröger zutreffen, handelt es sich in dieser Sicht nicht um eine Novelle.7

In der anderen Richtung wird davon ausgegangen, dass Novellenbegriffe immer in ihrem jeweiligen historischen Kontext zu betrachten sind und nicht einfach auf eine Novelle des 20. Jahrhunderts übertragen werden können, vielmehr davon auszugehen ist, dass die Form im Laufe der Jahrhunderte flexibler geworden ist. Die sich ab 1900 entwickelnde Die moderne NovelleNovelle ist oftmals durch ihre Ereignislosigkeit, dem Fehlen einer ›unerhörten Begebenheit‹ gekennzeichnet, reflektiert die Form selbst und wendet sich tendenziell mehr inneren Vorgängen, dem Subjektiven und individuellen Erfahrungen zu, indem die Erzählperspektive bei einer Figur liegt, wie in Tonio Kröger. Auch gibt es hier durchaus eine Wende im Geschehen und Leitmotive, die die Novelle strukturieren. Statt aber den Fokus auf die Handlung zu setzen, geht es um innere Vorgänge8, das Unerhörte im Inneren, Reflexionen, Stimmungen und Erfahrungen des Helden.

5. Quellen und Kontexte

Der Entstehungsprozess

Mit dem Thema dieser Novelle setzte sich Thomas Mann bereits in den späten 1890er Jahren auseinander. Ein entscheidender Anstoß für das Entstehen der Novelle war eine Reise, die Thomas Mann im September 1899 von München nach Dänemark machte. Er unterbrach seine Reise in seiner Heimatstadt Lübeck und wohnte fünf Tage in einem dänischen Badehotel in Ålsgårde. Thomas Mann begann seine Arbeit an Tonio Kröger im Winter 1899, unterbrach sie jedoch und setzte sie erst fort, nachdem sein Roman Die Buddenbrooks 1900 beendet und 1901 erschienen war. Nach einer erneuten Pause nahm er die Schreibarbeit an der Novelle 1902 wieder auf und schloss sie im gleichen Jahr ab. Sie erschien 1903 in der Neuen Deutschen Rundschau und im gleichen Jahr in der Novellensammlung Tristan mit fünf weiteren Novellen. Der ursprüngliche Titel sollte »Litteratur« heißen, wie er seinem Bruder in einem Brief vom 13. Februar 19019 mitteilte. Der Titel gibt den thematischen Schwerpunkt der Novelle an.


Abb. 4: Erstdruck von Tonio Kröger in der Neuen Deutschen Rundschau (1903) H. 2, S. 113. – Wikimedia Foto © H.- P. Haack

Biographischer Hintergrund

Wie auch in anderen Werken von Thomas Mann bestehen zwischen Text und Biographie enge Bezüge und sind die Figuren realen Personen nachgebildet. Als Erstes sind die Heimatstadt Lübeck zu erwähnen und das Haus in der Mengstraße 4, dem Haus der Großeltern von Thomas Mann. In den Buddenbrooks bildet es das Zentrum der Handlung und ist heute nach diesem Roman »Buddenbrookhaus« benannt. 1897 zog hier tatsächlich eine Volksbibliothek mit einem Lesesaal ein, auf die in der Novelle angespielt wird. Thomas Mann selbst war auf seiner Durchreise nach Dänemark 1899 verwundert über diese Volksbibliothek. In Lübeck stieg er im Hotel Stadt Hamburg mit den beiden schwarzen Löwen am Eingang, die auch in der Novelle erwähnt werden (S. 44), ab und wäre, da er ohne Papiere reiste, beinahe wegen Hochstapelei verhaftet worden. Die Polizei vermutete in ihm einen Betrüger, der von der Münchner Polizei gesucht wurde. Wie sein Held Tonio Kröger verhalfen ihm seine Korrekturfahnen zur Freilassung.10

Thomas Manns Das ElternhausVater war wie Konsul Kröger in der Novelle Konsul und besaß eine Firma für Getreidehandel, die nach dessen Tod aufgelöst wurde. Die Mutter verließ daraufhin die Heimatstadt. Thomas Manns Mutter stammte wie die des Titelhelden Tonio Kröger aus dem Süden, war sensitiv und sehr musikalisch. Doch anders als Tonios Mutter war Thomas Manns Mutter eine bürgerliche Frau. Die Parallelen zu den Buddenbrooks sind unübersehbar: der Schauplatz Lübeck, die Figur des Vaters, sein Getreidehandel, der Name Kröger, der niederländische Konsultitel und die südländische Mutter. Der biographische Hintergrund von Thomas Mann bestimmt auch diesen Roman.

Vorbilder der FigurenVorbild für die Figur Hans Hansen, die ursprünglich in Anspielung auf Jacobsens Novelle Frau Fönß (1890) den dänischen Namen »Tage« tragen sollte, war zum einen sein Schulfreund Armin Martens, zu dem sich Thomas Mann hingezogen fühlte, zum anderen bildet die homoerotische Zuneigung zu dem Münchner Maler Paul Ehrenberg, dem Thomas Mann im Winter 1900/01 in München begegnete, den Hintergrund für die Gestaltung der Beziehung von Tonio zu Hans. Ehrenberg malte Pferdebilder, während Hans Pferdebücher liebt.

Eine Jugendbekannte von Thomas Mann, Magdalene Brehmer, regte zu der Figur Magdalena Vermehren an und der Vater eines Schulkameraden zu der Figur des Hotelbesitzers Seehase. Reales Vorbild für den Tanzlehrer François Knaak war der Hamburger Ballettmeister Rudolf Knoll, an dessen Tanzstunden in Lübeck Thomas Mann, seine Schwester Julia und Armin und Ilse Martens teilnahmen.11 In Theodor Fontanes Roman Irrungen, Wirrungen (1888) taucht in einer Posse, die der Protagonist Botho auf seiner Hochzeitsreise mit seiner Frau Käthe in Dresden sieht, ebenfalls eine Figur namens Knaak auf. Sie trommelt den Tannhäusermarsch auf einem Kartenspieltisch.

Tonios Vater, der Konsul Kröger, vereinigt in sich Züge von Theodor Storm und Iwan Turgenjew, die Thomas Mann sehr geschätzt hat. Die Feldblume, die der Konsul im Knopfloch trägt, verweist auf eine Fotografie von Storm, auf der er mit einer Feldblume (Veilchen) dargestellt wird. Bei Storm stehen Feldblumen für die Blätter des Buches und der Dichtung.12 Doch tauchen Feldblumen auch in mehreren Erzählungen von Turgenjew auf.

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