

Adelbert von Chamisso
Peter Schlemihls wundersame Geschichte
Lektüreschlüssel XL
für Schülerinnen und Schüler
Von Wolfgang Pütz
Reclam
Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe:
Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Hrsg. von Florian Gräfe. 2., durchges. und erw. Ausg. Stuttgart: Reclam, 2020. (Reclam XL. Text und Kontext, Nr. 19439.)
Diese Ausgabe des Werktextes ist seiten- und zeilengleich mit der in Reclams Universal-Bibliothek Nr. 93.
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Lektüreschlüssel XL | Nr. 15522
2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2020
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961720-6
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015522-6
www.reclam.de

Abb. 1: Titelblatt aus Ernst Ludwig Kirchners Holzschnittfolge zum Peter Schlemihl (1915)
1. Schnelleinstieg


Im Zeitraum der Veröffentlichung von Chamissos Märchennovelle erschien auch Ludwig van Beethovens einzige Oper Fidelio in drei verschiedenen Fassungen (1805, 1806, 1814). Aus dem Libretto der 3. Fassung stammt der folgende Monolog des Kerkermeisters Rocco, in dem finanzieller Reichtum, materieller Besitz und grenzenloserVergötzung des Geldes Konsum glorifiziert werden:
Hat man nicht auch Gold beineben,
Kann man nicht ganz glücklich sein.
Traurig schleppt sich fort das Leben,
Mancher Kummer stellt sich ein.
Doch wenn’s in der Tasche fein klingelt und rollt,
Da hält man das Schicksal gefangen,
Und Macht und Liebe verschafft dir das Gold,
Und stillet das kühnste Verlangen.
Das Glück dient wie ein Knecht für Sold,
Es ist ein schönes Ding, das Gold.
Wenn sich nichts mit nichts verbindet,
Ist und bleibt die Summe klein.
Wer bei Tisch nur Liebe findet,
Wird nach Tische hungrig sein.
Drum lächle der Zufall euch gnädig und hold
Und segne und lenk euer Streben,
Das Liebchen im Arme, im Beutel das Gold,
So mögt ihr viel Jahre durchleben.
Das Glück dient wie ein Knecht für Sold,
es ist ein mächtig Ding, das Gold.1
Ebenso wie dieser Text markiert auch Peter Schlemihls wundersame Geschichte von der bezwingenden Macht einer unerschöpflichen Goldquelle den »Anbruch einer neuen, von bürgerlichen Normen bestimmten Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts, einer Zeit im Zeichen von Geld und Geldeswert auf der Schwelle zur Industrialisierung […] Immer mehr beginnt der Mensch in einer kapitalbeherrschten Umwelt das zu sein, was er hat […].«2
Für die anfangs Anti-Heldsozial deklassierte Hauptperson in Adelbert von Chamissos Kunstmärchen wird die uneingeschränkte Verfügbarkeit von Gold zum Angelpunkt seiner Hoffnung auf direkte Teilhabe am Leben des Besitzbürgertums, ohne dass er durch Arbeit und Leistungen für den eigenen gesellschaftlichen Aufstieg mittel- oder langfristige Anstrengungen unternehmen muss.
Die Erfüllung des triebhaften Wunsches nach steter und grenzenloser Bedürfnisbefriedigung geschieht allerdings um den Preis des Verlustes der seelischen und geistigen Autonomie und Authentizität des Individuums, deren Gütesiegel der immaterielle Schattenwurf ist. Je mehr der Mensch sich durch die Unersättlichkeit seines Verlangens nach WarenfetischismusWaren und Dingen zum Sklaven von Konsum und Besitz macht, desto mehr, so lautet auch die Botschaft von Chamissos Werk, erliegt der Einzelne der IdentitätsverlustFremdbestimmung durch die Hörigkeit gegenüber den bloß materiellen Glücksverheißungen der kapitalistischen Ökonomie.
Während es Peter Schlemihl am Höhepunkt der Auseinandersetzung mit dem diabolischen Händler durch Willenskraft und Verzicht auf einen Teufelspakt wenigstens noch gelingt, seine Seele und damit sein Ich zu bewahren, bleibt Deformation des MenschenThomas John, eine Nebenfigur der Novelle, seinem eigenen fürchterlichen Eingeständnis zufolge am Ende auf immer verflucht und verdammt. Indem seine »entstellte Gestalt« (S. 59) von seinem satanischen Gebieter einem Gegenstand gleich aus der Tasche gezogen wird, »erscheint [er] nach dem Verlust seiner Freiheit selbst zur Ware verdinglicht. Er ist die Personifikation der im Kapitalismus latenten Gefahr menschlicher Selbstentfremdung.«3
Jenseits seiner Vorwegnahme der marxistischen Kritik am Warenfetischismus eröffnet Chamissos Märchennovelle einen verstörenden Einblick in die Instinktnatur des Menschen, die etwa 100 Jahre später der Tiefenpsychologe Sigmund Freud (1856–1935) in den auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung drängenden Macht der TriebnaturTrieben des Es festmacht. Demnach ist Schlemihls Gier nach Gold vordergründig als irrationales Geschehen, jedoch aus psychoanalytischer Sicht als naturhaftes, unbewusst und unwillentlich gesteuertes Triebverhalten zu verstehen. Wie vergleichbare literarische Texte aus dem Bereich der Schwarzen Romantik oder auch Schauerromantik, so etwa E. T. A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels (1815/16) und Der Sandmann (1816), zeigt Peter Schlemihls wundersame Geschichte die Abgründe der menschlichen Seele. Begegnungen mit dem Dämonie des EsDämonischen und Bösen, negative Gefühle von Verzweiflung, Angst, Wut, Schuld und Scham sowie alptraumhafte Szenen der öffentlichen Bloßstellung oder der erlebten Gewalt gehören zum Motivrepertoire einer fiktiven Welt, in welcher es nur den Teufel, aber keinen Gott gibt. Der Einzelne bleibt den eigenen schuldhaften Verstrickungen und unerfüllten Sehnsüchten ausgeliefert und damit auf sich selbst zurückgeworfen. So berichtet der Erzähler etwa von seiner tiefen EinsamkeitEinsamkeit angesichts der Tragik eines Schicksals, welches er selbst zu verantworten hat und aus dem es trotz aller Fluchtversuche kein Entkommen gibt:
»Allein zurückgeblieben auf der öden Heide, ließ ich Tränenströmeunendlichen Tränen freien Lauf, mein armes Herz von namenloser banger Last erleichternd. Aber ich sah meinem überschwänglichen Elend keine Grenzen, keinen Ausgang, kein Ziel […]. Als ich Minas Bild vor meine Seele rief, und die geliebte, süße Gestalt bleich und in Tränen mir erschien […], da trat frech und höhnend Rascals Schemen zwischen sie und mich, ich verhüllte mein Gesicht und floh durch die Einöde, aber die scheußliche Erscheinung gab mich nicht frei, sondern verfolgte mich im Laufe, bis ich atemlos an den Boden sank, und die Erde mit erneuertem Tränenquell befeuchtete.« (S. 43)
Über die existentiellenGrenzerfahrungen Grenzerfahrungen hinaus, die das sich im 19. Jahrhundert herausbildende Individuum angesichts seines neuen Ausgeliefertseins an die entfesselten Kräfte der kapitalistischen Waren- und Geldwirtschaft und – zweitens – an die überwältigende Macht der Triebe erfährt, entfaltet die Erzählung eine dritte Konfliktebene, nämlich die Verabsolutierung von Technik und WissenschaftsgläubigkeitWissenschaft. Diese und mit ihr der Positivismus, welcher für die Erkenntnis nichts anderes gelten lässt als nachweisbare Fakten und Daten, geht von der Annahme aus, dass sich alle menschlichen und gesellschaftlichen Probleme durch den menschlichen Erkenntnisfortschritt lösen lassen.
Auch Schlemihl arbeitet nach dem Verzicht auf einen Bund mit dem Teufel an der systematischen und methodischen Erfassung insbesondere der Pflanzenwelt, weil er in der botanischen Forschung eine für ihn persönlich und für die Gesellschaft sinnstiftende Tätigkeit sieht. Eigentlich jedoch ist er, wie Thomas Mann im Jahre 1911 schreibt, »ein ›nur seinem Ich-FixierungSelbst lebender‹ Naturforscher«, der »grotesk und stolz über Berg und Tal« schreitet, ohne noch weiter mit anderen Menschen in Verbindung zu treten.4 Er Selbstisolierungschließt sich vielmehr hermetisch von der Gesellschaft ab, in der trügerischen Überzeugung, dass er den Makel seiner Schattenlosigkeit durch Verzicht auf zwischenmenschliche Beziehungen und durch seine Beschränkung auf eine abstrakte Lebensleistung kompensieren kann.
2. Inhaltsangabe
Kapitel I. Die Eröffnungsszene (Exposition)
Peter Schlemihls wundersame Geschichte erzählt, wie es bereits der Titel ausdrücklich ankündigt, im RetrospektiveRückblick auf ein individuelles Leben von außergewöhnlichen und unwirklichen Begebenheiten, in deren Mittelpunkt ein namentlich bezeichneter Mann steht. Ganz unvermittelt erscheint dieser Peter Schlemihl als Ich-ErzählsituationIch-Erzähler auf der Bühne des Geschehens, nachdem er am Ende einer »sehr beschwerlichen Seefahrt […] endlich den Hafen« (S. 9) einer deutschen Stadt erreicht hat. Während Ort und Zeit der Handlung weitgehend unbestimmt bleiben, erhält der Leser allerdings genauere Informationen über die besonderen Handlungsmotive des Helden. Dieser ist nämlich im Besitz eines Empfehlungsschreibens, mit dem er sich auf den Schlemihl sucht eine Anstellunghoffnungsvollen Weg zu Thomas John macht, dem Eigentümer eines herrschaftlichen und luxuriösen Landsitzes.
Der Arbeitsuchende, der selbst nur mit einer »kleinen Habseligkeit« (S. 9) ausgestattet ist und sich lediglich eine Ein Nobody in der High Societybillige Unterkunft in einem schäbigen Hotel leisten kann, wird bei seiner Ankunft auf dem prächtigen Anwesen von den dort anwesenden Personen mit großer Erniedrigung des HabenichtsHerablassung behandelt. Während die Gespräche der Reichen und Schönen vor allem um Geld und Besitz kreisen, leidet der Ich-Erzähler unter der damit verbundenen Nichtbeachtung seiner eigenen Person. Im Gefühl seiner Bedeutungslosigkeit und Nichtigkeit begleitet er die anwesende Gesellschaft bis zu einem »rosenumblühten Hügel« (S. 10), wo er Zeuge wird, wie die geringfügige Schnittverletzung an der Hand einer Dame sämtliche Menschen in deren unmittelbarer Umgebung dazu bringt, sich mit diesem banalen Ereignis übermäßig intensiv zu beschäftigen.
Inmitten der hektischen Aktivitäten zur Versorgung der kleinen Wunde steht auf einmal ein »stiller, dünner, hagrer, länglichter, ältlicher Mann« im Zentrum der Aufmerksamkeit des Ich-Erzählers. Er beobachtet, wie der Begegnung mit dem BösenUnbekannte aus der »Schoßtasche seines altfränkischen, grautaffentnen Rockes« unversehens »eine kleine Brieftasche« (S. 10 f.) herauszieht, aus welcher er wiederum ein Wundpflaster hervorholt, mit dem die verletzte Dame ohne weitere zeitliche Verzögerung versorgt werden kann.
Die Unscheinbarkeit des hässlichen und überdies altmodisch gekleideten Fremden steht in einem unerklärlichen Widerspruch zu dessen fantastischer Übernatürliche FähigkeitenFähigkeit, wie aus einem Füllhorn beliebige Gegenstände hervorzuzaubern, an denen gerade Bedarf besteht. Kaum hat er das kleine Pflaster für die vornehme Frau beschafft, so versorgt er gleich darauf den Herrn des Hauses, Thomas John, mit einem großen Fernrohr, als dieser danach verlangt. Trotz seiner magischen Kräfte wird der »graue[] Mann« (S. 11) auch bei seinem nächsten Zauberakt von den Menschen ignoriert, die »ohne Umstände« auf einem »reichen, golddurchwirkten türkischen Teppich« Platz nehmen, den der »Mann im grauen Rock« (S. 12) auf den allgemeinen Wunsch nach einer bequemen Sitzgelegenheit hin aus seiner Tasche gezogen hat. Und obwohl die Erfüllung weiterer materieller Wünsche jede menschliche Vorstellungskraft übersteigt, bleibt auch die unmittelbare Beschaffung eines großen Zeltes und »drei[er] Reitpferde« (S. 13) vollkommen unbeachtet, denn niemand findet »etwas Außerordentliches darin« (S. 12).
Unter dem Eindruck des paradoxen Gegensatzes zwischen der »blasse[n] Erscheinung« des »seltsamen grauen Mann[es]« (S. 13) und seinem übermenschlichen Quell materiellen GlücksVermögen, jedem Wunsch nach unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung sofort entsprechen zu können, empfindet der Erzähler einerseits ein übermächtiges und schauerliches Gefühl der Faszination und andererseits den Wunsch, sich dem ihn überwältigenden Einfluss des Ungeheuren durch räumliche Entfernung zu entziehen.
Der Fluchtreflex bleibt vergeblich, denn die Übermacht des Bösenübernatürliche Allgegenwart des fremden Mannes zwingt den Erzähler unausweichlich zu einer direkten Begegnung und Auseinandersetzung mit der »schauerlich[en]« (S. 13) Figur, obwohl ihm deren Anblick zuwider ist.
Der Fremde wirkt zwar äußerst unterwürfig, doch gelingt es ihm, mit den ausgewählten Worten einer auf die Spitze getriebenen Höflichkeit und zugleich »im Tone eines Bettelnden« (S. 14), seinen bizarren Wunsch erfüllt zu bekommen: Er trägt sein Verlangen nach dem Schatten des Ich-Erzählers so überzeugend vor, dass dieser schließlich trotz seiner Angst in den Tauschhandel Verführung und Sündenfalleinwilligt. Indem er dem Anderen den eigenen Schatten überlässt, erhält er als Fortunati GlückssäckelGegenleistung »einen mäßig großen, festgenähten Beutel, von starkem Korduanleder« (S. 15), dem er nach Belieben eine endlose Zahl von Goldstücken entnehmen kann.
Kapitel II
Ungeachtet seines neuen Reichtums erfährt der Ich-Erzähler seinen riesigen finanziellen Gewinn als Verlust sozialen Ansehenskatastrophalen Verlust seines sozialen Ansehens. Nachdem er aus einem wehrlosen Zustand besinnungslosen Begehrens nach unerschöpflichem Geldbesitz erwacht ist, ernüchtern ihn sehr rasch die unmittelbaren Hinweise auf das, was ihm fehlt: Indem zuerst »ein altes Weib«, dann die »Schildwacht« am Stadttor und bald darauf »ein paar Frauen« seine Schattenlosigkeit mit wachsendem Entsetzen zur Kenntnis genommen haben (»Jesus, Maria! Der arme Mensch hat keinen Schatten!« [S. 16]), wird der zunehmend verunsicherte und schließlich fassungslose Held am Ende von »Knaben aus der Schule« Öffentliche Bloßstellungöffentlich bloßgestellt und von der »Straßenjugend der Vorstadt […] mit Kot« (S. 16) beworfen.
Auf die unerwartete Denunziation seines elementaren Mangels hin versucht der »verstört[e]« (S. 17) Erzähler, gegen den Spott und Hohn seiner feindlichen Umwelt anzugehen, indem er »Gold zu vollen Händen« (S. 16 f.) unter die Menschen wirft und sich im »vornehmste[n] Hotel« (S. 17) dauerhaft einquartiert. In dem einsamen Bedürfnis nach Selbstvergewisserung im ÜberflussSelbstvergewisserung berauscht er sich dort an den vielen Goldstücken, die er in den Räumen seiner neuen Unterkunft über den Estrich verteilt hat. Als er aber am anderen Morgen aus einem Alptraum erwacht, gelingt es ihm nur mühsam und mit größtem körperlichen Einsatz, die gewaltige VerstecksucheGoldmenge in »einem großen Schrank« (S. 18) zu deponieren. Eine weitere Reaktion auf die persönliche Notsituation besteht darin, dass er von nun an das Sonnenlicht meidet, um sich nicht bloßzustellen. Seine Furcht vor einer erneuten öffentlichen Demütigung zwingt ihn dazu, das eigene Handeln und Verhalten stets im Hinblick darauf zu prüfen, ob und wie er seine Schattenlosigkeit verheimlichen kann.
Während Maßnahmen zum Selbstschutz für den Ich-Erzähler zur quälenden Notwendigkeit werden, unternimmt er erste Versuche, mit dem verschwundenen Unbekannten erneut Kontakt aufzunehmen. Nachdem er zunächst selbst erfolglos nach diesem gesucht hat, beauftragt er schließlich seinen neuen Der Diener BendelDiener Bendel mit Nachforschungen nach dem Verbleib des »Mann[es] im grauen Rocke« (S. 20). Obwohl ihm dessen Aussehen genau beschrieben worden ist, verkennt Bendel die Übereinstimmung dieser Beschreibung mit einem Mann, der ihm, als Bendel ihm während seiner detektivischen Suche begegnet, für Schlemihl folgende Mitteilung mit auf den Weg gibt: Fatale Botschaft»Sagen Sie dem Herrn Peter Schlemihl, er würde mich hier nicht mehr sehen, da ich übers Meer gehe, und ein günstiger Wind mich soeben nach dem Hafen ruft. Aber über Jahr und Tag werde ich die Ehre haben, ihn selber aufzusuchen und ein anderes, ihm dann vielleicht annehmliches Geschäft vorzuschlagen.« (S. 21)
Nachdem der Ich-Erzähler dem bestürzten und verzweifelten Diener Vorwürfe wegen dessen Blindheit gemacht hat, schickt er ihn – doch auch diesmal umsonst – zum Hafen, um den Auftraggeber der Botschaft gleichwohl noch ausfindig zu machen.
Kapitel III
Der Erzähler muss von diesem Augenblick an die paradoxe Situation aushalten, dass er einerseits ein sehr vermögender Mann ist, zugleich aber für eine unbestimmte Zeit und möglicherweise für die Dauer seines gesamten Lebens wegen einer einzigen Fehlentscheidung die schwere Bürde von gesellschaftlicher Ausgrenzung und tiefer Einsamkeit tragen muss.
Mit der Lüge, dass ihm im Verlauf einer Russland-Reise der eigene »Schatten dergestalt am Boden fest[gefroren sei], dass er ihn nicht wieder los bekommen konnte« (S. 23), begründet er einem Maler gegenüber den ungewöhnlichen Auftrag, ihm einen Schatten zu malen. Als dieser das Ansinnen strikt zurückweist, offenbart der Erzähler sein schreckliches Stigma als SchicksalGeheimnis gegenüber Bendel, der ihn – wenn auch nach kurzem Zögern – seiner unverbrüchlichen Gefolgschaft versichert. Tatsächlich stellt Bendel von diesem Tag an seine neue Treue unter Beweis, indem er durch geschicktes Agieren dafür sorgt, dass die Schattenlosigkeit seines Herrn in der Öffentlichkeit unbemerkt bleibt. War er zuvor – bei seiner Ankunft auf dem Landhaus des Thomas John – missachtet worden, so genießt Schlemihl jetzt Beachtung und Achtung im Kreis der höheren Gesellschaft.
Das neue Glück währt allerdings nur so lange, bis eine unerwartete abendliche Situation – »unversehens [tritt] […] der Mond aus den Wolken hervor« (S. 25) und enthüllt den Defekt des Erzählers – einen öffentlichen Skandal verursacht, der Peter Schlemihl zur sofortigen Flucht in die Ferne veranlasst.
Kapitel IV
Diesem Unglück folgt abermals ein neues und unerwartetes LiebesglückGlück, als Schlemihl an einem neuen Aufenthaltsort in eine Festgesellschaft gerät und aus Gründen, die er zunächst nicht durchschaut, mit einem Kranz »aus Lorbeer, Ölzweigen und Rosen« (S. 27) beschenkt wird, den ihm die schönste der anwesenden Frauen vor der versammelten Gesellschaftliche AnerkennungMenschenmenge mit feierlichen Worten überreicht. Als spontane Gegenleistung händigt ihr Schlemihl eine »reiche diamantene Krone« (S. 28) aus. Dass ihm dies gelingt, ohne die Kutsche zu verlassen und auf diese Weise wegen seiner Schattenlosigkeit erneut einen Skandal zu provozieren, verdankt er einzig der geistesgegenwärtigen Hilfe Bendels, der an seiner Stelle den Kranz an sich nimmt und die Krone überreicht.
Durch einen neuen jungen Begleiter namens Diener RascalRascal erfährt Schlemihl, dass die Ehrerbietung, die ihm von den Menschen entgegengebracht wird, eigentlich dem preußischen König gilt, der einem Gerücht zufolge unerkannt durch sein Herrschaftsgebiet reist. Diese Verwechslung veranlasst Schlemihl, die Stadtbewohner zu einem Fest einzuladen, bei dem er weiterhin so tut, als sei er der SelbstinszenierungLandesherrscher. Auch gegenüber Mina, der Empfängerin der wertvollen Krone, wahrt er unter dem Namen Graf Peter den falschen Schein einer aristokratischen Identität. Mit der ihm zur Verfügung stehenden »königlichen Pracht und Verschwendung« (S. 31) unterwirft er sich fortan die Menschen in seiner Umgebung, muss aber zugleich stets darauf bedacht sein, dass sein Blendung der anderenGeheimnis – er ist ja ein ursprünglich bedeutungsloser Mann mit dem schweren Makel der Schattenlosigkeit – von niemandem bemerkt wird.
Es gelingt ihm dabei auch ohne weiteres, das Herz der Frau zu erobern, in die er sich bei der Ankunft an seinem neuen Wohnort verliebt hatte. Doch zeichnet sich das Ende dieser Liebesbeziehung mit Mina schon bald darauf ab, als Peter Schlemihl vergeblich auf eine rasche Wiederbegegnung mit dem Mann wartet, dem er seinen Schatten überlassen hat.
Kapitel V
Die Handlung nimmt dramatische Züge an, als kurz darauf nicht nur die Schattenlosigkeit, sondern auch die falsche Identität des Helden ganz unvermittelt publik wird. Mit Worten und Gesten der Empörung verweigert zunächst Rascal seinen Dienst, bevor in einer weiteren Szene auch Minas Eltern ihrer Wut und Enttäuschung über Schlemihls Betrug Ausdruck verleihen. Mit der an ihn gerichteten ultimativen Aufforderung, innerhalb von drei Tagen nachzuweisen, dass er einen Schatten besitze, begibt sich der verzweifelte Held in die freie Natur.
Dort begegnet er ein Zweite Begegnung mit dem ›grauen Mann‹weiteres Mal dem »Mann im grauen Rock« (S. 39), der ihm nun einen neuen Handel anbietet: Schlemihl soll seinen Schatten um den Preis zurückerhalten, dass er dem Fremden nach dem eigenen Tod seine Seele vermacht. Doch obwohl ihm auch der Schatten in all seiner verführerischen Lebendigkeit gezeigt wird, lehnt Schlemihl den Teufelspakt ab. Der Versuch seines Dieners Bendel, ihm den Schatten mit Gewalt zurückzuerobern, scheitert daran, dass der unbekannte Mann trotz der Stockschläge, die auf ihn niedergehen, unbekümmert fortgeht und nicht nur den Schatten, sondern auch den Diener mitnimmt. Bendel taucht in Kapitel VII als nunmehr »schwach[er] und krank[er]« (S. 52) Mann wieder auf.
Kapitel VI
In den anschließenden Szenen, die wieder irreale Züge eines Alptraums aufweisen, versucht Schlemihl, einen an ihm im Sonnenlicht vorübergleitenden und dann vor ihm flüchtenden »Menschenschatten« (S. 44) zu fangen. Er stößt auf den Widerstand eines menschlichen Körpers, den er niederringt. Es stellt sich heraus, dass der Besitzer des Schattens seinen Körper durch eine Die TarnkappeTarnkappe unsichtbar gemacht hatte, die nun in einiger Entfernung von ihm liegt. Der Mann scheint verzweifelte Anstrengungen zu machen, um seine Kopfbedeckung wiederzuerlangen. Doch Schlemihl ergreift sie und wird unsichtbar. Wenig später wird er allerdings begreifen, dass es sich bei dem Opfer seines Raubes in Wirklichkeit um die teuflische Dritte Begegnung mit dem ›grauen Mann‹Figur des »Mann[es] im grauen Rock« (S. 47) handelt, der Schlemihl durch gezielte Manöver in eine Situation bringen will, in welcher es diesem unmöglich ist, sich der Preisgabe seiner Seele zu widersetzen.
In der irrtümlichen Annahme allein zu sein, nutzt Schlemihl die geraubte Tarnkappe, um unerkannt zu Rückkehr zu MinaMina zurückzukehren und im Garten ihres Elternhauses den Fortgang der bisherigen Ereignisse im Hause seiner Geliebten zu erfahren: Mina soll, auf dringenden Wunsch ihres geldgierigen Vaters, Rascal, den ehemaligen Diener Schlemihls, heiraten. Dieser hatte sich während seiner Anstellung an dem unerschöpflichen Geldvermögen seines Herrn bereichert und erscheint nun zumindest in den Augen von Minas Vater – ihre Mutter hält den neuen Heiratsanwärter für einen Dieb – als eine geeignete Partie für eine eheliche Verbindung mit der Tochter.
Indem er zum entsetzten Zeugen der bösartigen Aktivitäten zu Minas Zwangsverheiratung mit einem Verbrecher wird, kann Schlemihl sich kaum dem Druck entziehen, den der auf einmal neben ihm sitzende Vierte Begegnung mit dem ›grauen Mann‹teuflische Besitzer seines Schattens auf ihn ausübt. Dieser drängt ihn angesichts der sich zuspitzenden Zwangslage von Mina dazu, endlich seine Unterschrift unter den Teufelspakt zu setzen. Nur auf diese Weise, so die perverse Logik des Mannes im grauen Anzug, lasse sich noch gewährleisten, dass Schlemihl seinen Schatten und damit einen Anspruch auf Minas Hand wiedergewinnt.
Kapitel VII
Der weitere Bericht des Erzählers informiert darüber, dass er in diesem äußersten tragischen Moment der Entscheidungsnot seine Unterschrift verweigerte und daher hinnehmen musste, dass zwischen Rascal und Mina die Ehe geschlossen wurde.